Geschafft?!


Dietrich, Judith und Birke bei der Klimademo am 14.11.25

von Dietrich Gerstner / Dezember 2025

„Geschafft“ – das klingt doppeldeutig und das soll es hier auch. Die Inspiration für diesen Titel verdanke ich dem diesjährigen digitalen Adventskalender der Nordkirche mit täglichen Hoffnungsgeschichten zum Thema Flucht. Und er passt dazu, wie ich unser turbulentes Leben der letzten Wochen erlebt habe.

Geschafft“, auch im guten Sinne, bin ich von der Fülle der Aktionen, Ereignisse und Höhepunkte, die ich erleben und zum Teil mitgestalten durfte: Da gab es u.a. im Oktober einen Flüchtlingsgottesdienst, den wir als Brot & Rosen in der Jubilatekirche in Öjendorf zum Thema „Fremde – Menschen – Freunde“ gestalteten, ein Vortragsabend zur Kriegsdienst-verweigerung russischer Männer in der Mennoniten-Gemeinde, dann ein interaktiver Gesprächsabend in der Friedensdekade „Den Frieden wecken“ in der Kirchengemeinde Bramfeld. Dazu kommen die regelmäßigen Mahnwachen gegen Abschiebungen vor der Ausländerbehörde und sowie die Friedensmahnwachen in der Innenstadt, Demos für Klimagerechtigkeit und gegen den Aufrüstungswahn zur Kriegstüchtigkeit (der Slogan einer Konferenz lautet entsprechend: „Beschaffung, Beschaffung, Beschaffung“!). Und immer wieder auch Demos und Veranstaltungen zu Israel und Palästina und besonders zur brutalen Realität in Gaza.

Aber auch schöne Events mit der Hausgemeinschaft bereichern den Alltag und machen Spaß wie z.B. ein HSV-Stadion-Ausflug zur Frauenbundesliga, unser jährlicher Abend zum Adventsgestecke Basteln oder ein Konzertausflug.

Am Volkstrauertag begingen wir zum 19. Mal das Flüchtlingsrequiem in der Hauptkirche St. Jacobi. Dieses Jahr stand der Gottesdienst unter dem dramatischen Titel „Don’t shoot us“, da die libysche „Küstenwache“ inzwischen mehrfach auf zivile Seenotrettungsschiffe geschossen hat und damit nicht nur das Leben der Flüchtenden, sondern auch der Helfer*innen gefährdet. Tags zuvor waren wir mit einer kleinen Prozession durch die Innenstadt gezogen, um auf den Gedenkgottesdienst aufmerksam zu machen und öffentlich die Gewalt gegen Flüchtende an den EU-Grenzen zu benennen. Hier ist die Predigt von Pastorin Dietlind Jochims zu lesen.

Ende Oktober erhielt unser ehemaliger Mitbewohner Chris A. seinen positiven Asylbescheid. Nachdem Chris über ein Menschenrechtsprogramm des Außenministeriums eingereist war und im Rahmen dieses Schutzaufenthalts sechs Monate bei uns gelebt hatte, beantragte er im Sommer 2024 Asyl, da eine Rückkehr in sein Heimatland zu gefährlich war. Ab dann teilte Chris das Schicksal all der anderen Geflüchteten in der öffentlichen Unterbringung. Nach vielen Wochen in der Zentralen Erstaufnahme in Rahlstedt mit sehr prekären Verhältnissen erhielt er ein Viererzimmer in einem „Heim“. Das war ein bewusster Akt der Solidarität mit den anderen Geflüchteten, aber je länger, umso mehr zehrte der Mangel an Privatsphäre und die Ungewissheit über die Zukunft sichtbar an unserem Freund. Umso mehr freuen wir uns nun über seine Asylanerkennung. Du hast es geschafft, Chris!!!

Noch nicht ganz geschafft haben wir die Umgewöhnung von der täglichen taz-Zeitungsausgabe auf Papier auf die wochentäglich nur noch digitale Zeitung. Irgendwie ist es nun schwierig, eine Zeitung in mehreren Teilen gemeinsam zu lesen. Und mit dem Tablet lässt sich so schlecht der Kompost-Eimer auskleiden…

Dafür haben wir was ganz anderes geschafft, das auch mit Digitalität zu tun hat: Nach ca. 27 Jahren haben wir unsere alte Internetseite abgeschaltet und dafür eine modernere Webseite online gestellt.

Unsere bisherige Internetseite konnte mit Fug und Recht als digitales Fossil bezeichnet werden und brauchte schon längere Zeit besondere Fürsorge, um weiterhin sicher zu laufen. Das verursachte extra Kosten und irgendwann war klar: Alles ist endlich, selbst unser bisheriger Internetauftritt. Zum Glück hat uns mit Chris Danowski eine kompetente Fachfrau durch den Aufbau der neuen Seite geleitet und damit, tätä, ist es also amtlich: Unter der alt bekannten Adresse www.brot-und-rosen.de ist ein neuer Auftritt zu finden. Wir wollen diese Seite nun dynamischer nutzen zur Bekanntmachung von Neuigkeiten aus dem Haus sowie von tagesaktuell politischen Themen, die uns beschäftigen.

Wir trauern um unsere alte Freundin Antje Holst aus Hamburg,

die am 5. November im Alter von 81 Jahren gestorben ist. Antje war eine unermüdliche Kämpferin für Frieden und Gerechtigkeit. Und irgendwie war sie für mich auch „Bürgeradel“ aus Eppendorf, auch wenn sie nicht aus wohlhabenden Verhältnissen kam. Aber sie war so verwoben in die Eppendorfer und Hamburger Gesellschaft, dass mir als „Quiddje“ (Zugezogener) oft der Mund offen stehen blieb. Wenn ich anfange, ihre vielfältigen Engagements aufzuzählen, dann kann das nur einen Ausschnitt abdecken:

Auf allen Ebenen von Ev.-Luth. Kirche brachte sie sich ein, in der Gemeinde, im Kirchenkreis und im Ökumenewerk der Nordkirche (dort vertrat sie v.a. ihr Herzensprojekt, die Partnerschaftsarbeit mit Gemeinden im umkämpften Nordosten Kongos), dann die Aktionsgruppe „Frauen in Schwarz“, ihre Teilnahme an allen unseren Kreuzwegen und selbstverständlich die jährlich gestalteten Friedensandachten zum Auftakt des Ostermarschs in Hamburg. Und noch so viel mehr. Ihr nicht nachlassendes Engagement und ihre Lebensfreude trugen sie über viele Jahre ihrer Krebserkrankungen weiter, selbst zuletzt hatte sie noch Pläne für Veranstaltungen und hoffte, in den Kongo zurückzukehren. Nun hoffen wir für sie, dass sie es auf ganz andere Weise „geschafft“ hat, dass ihre Seele nun Frieden und Ruhe finden darf. Aber wer weiß, vielleicht hält sie schon eine Mahnwache an der Tür von St. Petrus ab…

DANKE!

Wie jedes Jahr erleben wir es als großes Wunder, dass Ihr, unsere treuen Leser*innen und Spender*innen, uns in unserer Arbeit und unserem Leben mittragt. Wir danken von Herzen für alle Unterstützung und Verbundenheit! ■