Uta Gerstner, Judith Samson, Birke Kleinwächter, Birgit Gödde, Elisabeth Langner, Dietrich Gerstner (hinten) in Grandchamp
von Birke Kleinwächter / September 2026
Unser Gartenfest anlässlich unseres 30jährigen Jubiläums liegt keine drei Monate zurück. Wow, denke ich, was alles passiert ist in der Zeit – und das, obwohl im Sommer das Tempo in Hamburg, in unseren Netzwerken und in unserem Haus deutlich sinkt.
Wir haben viel positive und großzügige Zuwendung erfahren in diesem Jubiläumsjahr – DANKE für alle liebevollen, motivierenden, wertschätzenden Worte und für alle Spenden. Diese sind u.a. mit eingeflossen in unseren alljährlichen Hausurlaub in der Jugendherberge Ratzeburg. Sie helfen uns auch, einen kaputten Kühlschrank zu ersetzen und politisch aktiv zu bleiben (ein Beispiel: die Lebenslaute-Jahresaktion).
Im Sommer finde ich es jedes Jahr erstaunlich, wie entschleunigt Hamburg ist. Es fahren z.B. deutlich weniger Autos herum. Anders formuliert: das Stadtbild verändert sich mit freien Parkplätzen und leereren Straßen. Dieses Jahr habe ich mich gefragt, ob ich die Einzige bin, die das Weniger an Autoverkehr und das damit verbundene Mehr an Lebensqualität genießt und warum das nicht ein Handlungsimpuls für die Politik wird.
D ieses Mehr an Lebensqualität erfahren wir auch jedes Jahr in unseren Hausferien am Ratzeburger See. Es kommen auch ehemalige Mitbewohner:innen gerne mit. Das Highlight ist der See direkt neben der Jugendherberge. Traditionell tauschen wir uns am ersten Abend aus über unsere Befindlichkeiten. Da wurde auch deutlich, welche sprachlichen Fortschritte einige innerhalb unseres Hauses gemacht haben. Und es ließ uns darüber nachdenken, wieviel im zurückliegenden Jahr passiert ist. Wir sind ein bisschen wie das gallische Dorf bei Asterix und Obelix: gegen alle Fremdenfeindlichkeit, gegen alles Polemisieren gegen die Zivilgesellschaft leben wir im Kleinen ein alternatives Lebensmodell des interkulturellen Miteinanders, das funktioniert. In besagter Anfangsrunde in der JH wurde auch deutlich, dass wir wie eine gewachsene Familie sind.
Das hatte sich bereits zuvor gezeigt, als wir Ende Juni ausgerechnet an einem der heißesten Tage Hamburgs unserer ehemaligen Mitbewohnerin Dikra und ihrem Sohn beim Umzug halfen. Alle, die Zeit hatten, kamen mit, ob sie Dikra kannten oder nicht. Ich war fasziniert, welche handwerklichen Begabungen zum Vorschein kamen, mit welcher Kompetenz Schränke und Betten zusammengebaut wurden. Bezogen auf unser Haus stellt sich die Frage, wie es gelingen kann, all diese Talente zu erkennen und einzubringen.
Im Juli besuchten wir als Kerngemeinschaft auf Initiative von Judith Kommunität Grandchamp, eine evangelisch geprägte Gemeinschaft von Schwestern in der Nähe des wunderschönen Neuchâteler Sees in der Schweiz. Das Ineinander von Stille und Wahr-nehmen der Welt mit all ihrer Not im Gebet hat uns berührt.
Unsere Freundin Elli kam auch dorthin und fuhr mit uns nach Hamburg zurück, um uns den Sommer über zu unterstützen. Elli ist eine engagierte Wanderin zwischen verschiedenen Ein-satzgebieten weltweit. Wir schätzen uns glücklich, dass sie sich immer wieder voll einbringt bei uns. Mitte September zieht sie weiter für eine neue Aufgabe in Taizé; für uns eine schöne Verbindung zu dieser französischen Gemeinschaft, die ihren größten Bekanntheitsgrad aus den wunderbaren geistlichen Gesängen bezieht.
Anfang August nahm ich an der Lebenslaute-Sommeraktion teil. In Bochum protestierten wir unter dem Motto „Viva la musica – enteignet Vonovia“ gegen die unsägliche Selbstbereicherung des Immobilienkonzerns Vonovia durch das Vermieten von Wohnungen. „Der Kampf um bezahlbaren Wohnraum ist mittlerweile das größte soziale Problem in Deutschland. Wohnen ist ein elementares menschliches Bedürfnis und Garant für Menschenwürde. Mieten werden unbezahlbar, sie machen Menschen arm und obdachlos. Über eine Million Menschen – darunter 260.000 Kinder und Jugendliche – in Deutschland sind wohnungs- oder obdachlos. Als größter Immobilienkonzern in Europa mit Hauptsitz in Bochum und 470.000 Wohnungen ist Vonovia ein zentraler Akteur dieser Entwicklung.“ Auf der Homepage der Lebenslaute (www.lebenslaute.net) gibt es dazu weitere Beiträge und Videos von unseren Blockaden und Konzerten.
Das Thema Wohnungsnot erleben wir im Haus unmittelbar mit. Oft verlängert sich das Mitleben bei uns nur noch deshalb, weil keine Wohnung oder Zimmer gefunden wird. Ein Mitbewohner konnte Ende August endlich ausziehen – und wieder ist das nur Dank persönlicher Beziehungen möglich!
Also, liebe Lesende, wenn Ihr etwas anzubieten habt, nehmt gerne Kontakt auf!
Die änderte Asylpolitik wird Einfluss auf unsere zukünftige Mitbewohner:innenschaft haben. Bislang war häufig ein Mitleben für die Dauer des Dublin-Verfahrens (sechs bis maximal 18 Monate) möglich. Die politisch beschlossene drastische Verlängerung solch einer Frist auf drei Jahre bedeutet nun eine ganz andere Zusage bei der Aufnahme von Gästen. Wir erleben auch immer wieder, wie komplex die rechtlichen Situationen einiger unserer Mitbewohner:innen sind. Oft ist es gar nicht leicht, sich da verstehend hinein-zudenken.
Das größte Geschenk bleibt aber, dass wir täglich zusammen leben, im Haushalt arbeiten und essen – der Abendbrottisch ist für mich genauso heilig wie unsere morgendliche Andacht.
Wir gehen auf einen Herbst zu, der verspricht, abwechslungsreich zu werden: Mahnwachen, Lesungen, diverse Gottesdienst-Beteiligungen, Anfang September unser Mitfeiern des 35jährigen Jubiläums der Suppenküche Kana in Dortmund u.v.a.m. Unsere Termine stehen auf Seite 6 😊! Herzliche Einladung an alle. ■

