von Brigitte Hoßbach / September 2026
Brigitte Hoßbach ist Pfarrerin in der Evangelischen Kirchengemeinde Brot & Rosen in Worms und eine Studienfreundin von Uta und Dietrich Gerstner. Sie schildert in diesem Grußwort, wie es zur Neubenennung ihrer Kirchengemeinde kam und was sie mit „Brot und Rosen“ verbindet. Wir freuen uns über diese Verbindung von Süd nach Nord!
Aus zwei wird eins, aus Luthergemeinde und Versöhnungsgemeinde Worms wird eine Gemeinde, für die wir einen Namen suchten – die Suche aber gestaltete sich gar nicht so leicht.
Doch irgendwann erreichte mich eine Nachricht: „Was hältst du von Brot & Rosen?“, schrieben meine Kolleg:innen.
Und sofort waren all die Bilder da, all die Geschichten, all die Schätze, die im Herzen schlummern… Sofort war all das wach!
Wir spürten: Dieser Name ist reich an Geschichten, an Erfahrungen, an Aussicht, an Leben!
Und ich erinnere mich: Vielleicht war ich 12 Jahre alt gewesen, als ich Nurten besuchte, ein Mädchen, das mit vielen Schwestern und einem Bruder und ihren Eltern in einem schäbig-baufälligen Haus mit kaputten Fenstern in der Straße meiner Oma lebte. Irgendwann in den 70ern …
Sie war ein Jahr älter als ich und niemand fragte nach ihrer Schulpflicht. Sie galt ja nur als Gast in diesem Land. Und ihrem Vater reichten die paar Schuljahre, die sie in Anatolien gelernt hatte.
Ich betrat die Stube und Nurten goss mir ein paar Tropfen Rosenwasser in die Hände – es duftete so herrlich!
Pfarrerin Brigitte Hoßbach bei der Eröffnungsfeier der neuen evangelischen Kirchengemeinde „Brot & Rosen“ in Worms Sie deckte mir den Tisch: mit Zeitungspapier auf dem Boden. Das Brot, das ihre Mutter draußen im Hof gebacken hatte, schmeckte so unglaublich köstlich! Sein verlockender Geschmack, vermischt mit dem Duft der Rosen, in die Nurten meine Hände getaucht hatte, war wie eine Offenbarung!
Unser Mahl schmeckte nach Freundschaft, nach Würde, nach trotz alledem.
Ich war ihre einzige Freundin, hier, in diesem Dorf.
Und sie war für mich ein ganz besonderer Mensch!
Wir aßen Brot, Käse und Tomaten und tranken Tee. Und lachten und erzählten in zwei Sprachen.
Manchmal habe ich im Gottesdienst dieses Mahl auf dem Fußboden in einem schäbigen Haus vor Augen, schmecke wieder Brot und Rosen auf meiner Zunge!
Manchmal erinnere ich mich daran, wenn wir das Lied von Brot und Rosen singen und um den Tisch des Herrn stehen, uns einladen lassen vom Lebendigen und das Brot teilen, den Kelch, wenn ich dich anschaue und du mich und ich in deinem Gesicht sein Angesicht sehe und du in meinem, und wir spüren, er baut sein Haus, hier bei uns, wohnt längst mitten unter uns!
Ich erinnere mich an Elisabeth, die es sich nicht nehmen lässt, den Hunger der anderen zu spüren und die Aussichtslosigkeit in ihren Augen zu sehen.
Sie macht sich auf den Weg mit Brot, verbirgt es unter Rosen, weil die Besserwisser und Herrscher ihr verbieten wollen, von der Würde aller zu träumen.
Und als sie es teilt, werden alle satt – vom Brot. Und schmecken wohl doch auch den Duft der Rosen, der von ihrer Schönheit erzählt, davon, dass du mehr bist als ein hungriges Stück Elend. Weil eine dich sieht und bereit ist, trotz und gegen alle Gewalt mit dir satt zu werden.
Und du stehst auf. Ganz österlich!
Der Duft der Rosen und des Brotes steigt mir auch dann in die Nase, wenn ich dieses andere Lied höre: Bread and Roses. „Brot für alle und Rosen auch!“, lautet eine Zeile im Gedicht der Frauenrechtlerin Helen Todd vor über hundert Jahren in den Vereinigten Staaten. Sie kämpft für die Arbeiterinnen in Fabriken und mit vielen anderen für das Wahlrecht der Frauen. Ihr Gedicht wird zum Lied einer ganzen Bewegung! “Yes, it is our bread we fight for, but we fight for roses too!”
Nicht nur ein grade so satter Bauch, sondern Schönheit und Würde und ein Leben, das mehr ist als blankes Überleben, in dem auch dein Herz satt wird. Dafür kämpfen sie, für alle!
Wo du wertvoll bist, weil du lebst, weil du ein Menschenkind bist – auch und gerade dann, wenn du nicht schon immer am längeren Hebel sitzt!
Wo du deinem Leben Farbe geben darfst und Duft, es gestaltest und nicht nur zusiehst, wie es dir unter den Händen zerrinnt.
Wo Ostern wird und du aufstehst!
Vielleicht habt auch Ihr dieses Lied gehört in diesem Film, damals, „Pride“, und habt gesehen, wie sie Mitte der 80er Jahre miteinander singen und tanzen, zwei Welten: ein paar Gewerkschaftler:innen, Bergarbeiter in Südwales und ein paar schwule und lesbische Städter:innen. Aus dem fernen großen London sind sie angereist, um die Bergarbeiter und ihre Familien in ihrem Kampf für ihre Rechte zu unterstützen.
Die große Fremdheit, die Vorurteile, ja, die Abscheu – wie sie weicht, weil sie einander als Menschen erkennen, verbunden in ihrem Schmerz, im Hunger ihrer Herzen, in der Sehnsucht und im Kampf für eine andere Welt:
Brot für alle und Rosen auch!
Nun heißen wir tatsächlich Evangelische Kirchengemeinde Brot & Rosen. Und lassen uns gerne von euch, Brot & Rosen in Hamburg, anstecken mit Hoffnung und Solidarität, Auferstehung und Leben! Und wünschen euch auch für die kommenden 30 Jahre einen mit Brot und Rosen gedeckten Tisch, an dem alle satt werden! ■

