von Karrar Al Lami / Juni 2026
„Zwischen dem Schweigen der Worte und dem Lärm der Dankbarkeit“ – so der vollständige Titel dieses Artikels: Karrar schenkte uns diese Abschiedsworte zu seinem Auszug aus unserer Hausgemeinschaft im April. Schon zuvor hatte er bei einem großen Betrieb eine Ausbildung begonnen. Wir danken ihm für diese tiefe Reflektion!
Jedes Mal, wenn ich versuche, meine Erfahrungen bei Brot & Rosen in Hamburg festzuhalten, gerate ich in einen inneren Konflikt. Als Sprachwissenschaftler weiß ich wohl um den ewigen Streit: Sind es die Worte, die Gedanken gebären, oder erschaffen die Gedanken erst die Sprache? Doch in diesem Fall habe ich erkannt, dass das Herz und das Mitgefühl die einzigen Instanzen sind, die das beschreiben können, was Lexika nicht fassen.
Der Übergang von der Dunkelheit zum Licht
Meine Reise, bevor ich dieses Haus betrat, war schwer belastet. Ich war gezeichnet von den Folgen des „Dublin-Verfahrens“ und der ständigen Angst vor Abschiebung – ein Leben in der psychischen und rechtlichen Dunkelheit nach meinen Erfahrungen in Litauen. Die Zukunft schien verloren, und Frustration war mein ständiger Begleiter. Doch durch die Unterstützung von Brot & Rosen begann ein außergewöhnlicher Aufstieg: vom „Punkt unter Null“ hin zu einem Horizont, an dem meine Zukunft neu erstrahlte. Dank Eurer Solidarität fand ich nicht nur ein Dach über dem Kopf, sondern die Anerkennung meiner Menschlichkeit, die die Bürokratie auszulöschen drohte.
Der Abendtisch: Ein Parlament der Sprachen und Kulturen
Die zwei Jahre, die ich in diesem Haus verbringen durfte, waren weit mehr als eine Wohngemeinschaft; sie waren eine radikale Transformation meiner Weltsicht. Dort, an dem legendären Abendtisch, begegnen sich die Sprachen der Welt und die Düfte der Küchen aus allen Himmelsrichtungen vermischen sich. Dieser Tisch diente nicht nur der Nahrungsaufnahme, sondern war ein Ort tiefer Diskussionen und gelebtem Miteinander.
Niemals werde ich die warmen Momente vergessen, in denen wir uns vor dem Essen an den Händen hielten und Gott oder dem Leben in tiefer Verbundenheit dankten. Diese Rituale haben mich gelehrt, dass das Zusammenleben verschiedener Religionen und Überzeugungen kein politisches Schlagwort ist, sondern eine tägliche Praxis des Respekts und der Liebe.
Mehr als nur Wohnraum: Empowerment
Was das Team von Brot & Rosen leistet, geht weit über die Bereitstellung von Wohnraum hinaus – Ihr rettet Lebensentwürfe. Angesichts der Kälte behördlicher Papiere und administrativer Hürden bietet dieser Ort ein zutiefst menschliches Vorbild.
Trotz meines Schweigens, das mich oft begleitete, befand ich mich in einem ständigen Lernprozess. Ich habe die Natur dieses Ortes studiert, seine Fundamente der Solidarität und wie er es geschafft hat, mich zu befähigen, zu mir selbst zu finden, mein Studium fortzusetzen und meine Ziele zu definieren. Für mich repräsentiert Ihr das erfolgreichste Beispiel für Demokratie, da hier nicht durch Herrschaft, sondern durch Verständnis und Empathie geführt wird.
Ein Wort des Abschieds
Ich verlasse euch heute mit „Brot und Rosen“ im Herzen. Danke, dass Ihr mich in den schwersten Momenten meiner Schwäche nicht aufgegeben habt. Danke, dass Ihr mir den Glauben daran zurückgegeben habt, dass die Welt noch immer gute Orte besitzt.
Von ganzem Herzen: Danke, Brot & Rosen. ■
PS der Redaktion: Als Karrar diese Abschiedsworte bei seinem letzten Haustreffen vortrug, ergänzte er noch mündlich einen wichtigen Aspekt: Die Mitarbeit an unserem Schutzkonzept gegen sexuelle Grenzüberschreitungen war für ihn ein Akt des Empowerments. Das Erleben dieser besonderen Art von Mitgestaltung und Mitverantwortung bleibt ihm in besonderer Erinnerung. (DG)

