Stell Dir vor es ist Krieg und keine*r geht hin


von Bernd Geisler / März 2026

Bernd Geisler, klassischer Gitarrist, ist aktiv beim Lebenshaus Schwäbische Alb und beim Lebenslaute Netzwerk – klassische Musik und politische Aktion, an dessen Aktionen mehrere von uns und v.a. Birke Kleinwächter seit einigen Jahren mitwirken.

Ach Krieg, oh Unglück!

Und wir sollen dabei sein?

Was sich gerade zusammen braut, ist kaum auszuhalten.

Dabei wäre alles so einfach:

Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin!

Oder: „Sag Nein“

So heißt Wolfgang Borchert letztes Gedicht. Dieses ist nicht nur aus dem Fieberwahn eines sterbenden jungen Menschen nach dem 2. Weltkrieg entstanden, sondern beruht auch auf einem ausgefeilten politischen Konzept, das bereits im Zusammenhang mit der Gründung der pazifistischen Organisation War Resisters International (WIR) nach dem Gemetzel des 1. Weltkrieg entwickelt wurde: Der Niederländer Bart de Ligt stellte damals dieses Konzept („Plan of Campaign against all War and all Preparation for War“) auf einem frühen Kongress der WRI vor.

Ähnlich wie Borchert untersuchte er, wie Menschen aus allen möglichen Berufsgruppen sich dem Krieg und seiner Vorbereitung entgegenstellen können (zu finden in: Bart de Ligt, The conquest of violence: an essay on war and revolution, George Routledge & Sons 1937; Pluto Press 1989 und im „Internet Archive.org

Bereits Ende des 19. Jahrhunderts hat Tolstoi in Russland eine pazifistische Bewegung losgetreten, die eine große Ausstrahlungskraft hatte (Berta von Suttner, Gandhi, Martin Luther King…). Ich empfehle dafür sehr die digitale Friedensbibliothek von Peter Bürger.

Dass gewaltfreier Widerstand erfolgreicher ist als Waffengewalt, haben die Untersuchungen von Erica Chenoweth und Maria J. Stephan gezeigt. Denn Krieg ist nicht nur Gewalt einer Menschengruppe gegen eine andere, sondern auch immer Gewalt von oben gegen unten. Aber die Herrscher da oben haben nur die Macht, die ihnen von unten gegeben wird, und die kann ihnen auch entzogen werden. Ihre Studie ist 2024 auch auf Deutsch erschienen: „Warum ziviler Widerstand funktioniert“, von Erica Chenoweth und Maria J. Stephan, 2024 Nomos Verlag (das englischsprachige Original von 2011).

LEBENSLAUTE gibt mir als Netzwerk ein starkes Gefühl von Sicherheit, dass wir uns gemeinschaftlich den irrsinnigen kriegerischen Entwicklungen entgegenstellen können. Die starke pazifistische Tradition seit den ersten LL-Aktionen in den 80er Jahren ist ein solides Fundament. Auch die vielen Aktionen zu Umweltthemen und für soziale Gerechtigkeit sehe ich in diesem Zusammenhang. Das sollten wir nicht aus den Augen verlieren.

Die diesjährige große Lebenslaute Sommeraktion hat das Motto „Viva la musica – enteignet Vonovia“ und findet vom 1. bis zum 8. August in Bochum statt. Siehe Lebenslaute.net unter „aktuell“.

Im Sommer 2024 kündigten Kanzler Olaf Scholz und US-Präsident Joe Biden die Stationierung von US-Mittelstreckenwaffen in Deutschland an – ohne Beteiligung der Parlamente, ohne ein Angebot von Verhandlungen. Diese Ankündigung entspricht einem seit 2017 entwickelten Konzept, das sich „Multi-Domain Task Force“ (MDTF, Mehrbereichs-Einsatzgruppen) nennt. Es will Streitkräfte zu Land, auf See, im virtuellen Raum und im Weltraum vernetzen und mit hohem Tempo zum Einsatz bringen.

Vom 2. bis 7. Oktober findet zusätzlich eine überregionale Aktion bei dieser MDTF Kommandozentrale in Wiesbaden gegen Mittelstrecken-Waffen statt. Weitere Infos sind in einem Flyer auf der Lebenslaute-Internetseite zu finden. ■