von Birke Kleinwächter / März 2026
Dieses Jahr begannen der muslimische Fastenmonat Ramadan und die christliche Fastenzeit genau am selben Tag. Für uns fühlte sich das sehr heilig an; denn so haben wir eine gemeinsame Zeit der Besinnung und des Verzichts. Wir beten und engagieren uns zeitgleich für Nächstenliebe und Frieden.
Mit den Abendessenszeiten war es dieses Jahr vergleichsweise leicht. Das Fastenbrechen im Ramadan war anfangs vor 18 Uhr (unserer Essenszeit im Haus) und irgendwann nach 18 Uhr. Wir beschlossen beim Haustreffen, dass anfangs die Muslime auf die Christ*innen warten und die Essenszeit 18 Uhr bleibt. Und dann warteten die Christ*innen auf die Muslime, sodass sich die Essenszeit täglich um 2 Minuten nach hinten verschob.
Unsere Euphorie über die gemeinsamen Fastenzeiten legte sich mit dem kriegerischen Angriff durch Israel und die USA auf den Iran und die Eskalation des Konflikts. Dieser Krieg betraf auch Dietrich Gerstner, der eigentlich am 2.3. aus Tel Aviv zurückfliegen wollte. Nun konnte er zwei Tage später über Jordanien ausreisen – zum Glück!
Im Haus spüren wir, dass die gesellschaftliche Lage sich immer mehr zuspitzt. Der fehlende Zugang zum Wohnungsmarkt stellt seit Jahren schon ein großes Problem dar. Aber nun gibt es auch massive Kürzungen bei den Integrationskursen, was Ängste weckt. Auch die Bearbeitungszeiten sind unglaublich lang. So fragen wir uns oft, wie Menschen zurechtkommen ohne Geld und Krankenversicherungskarte, wenn sie nicht gerade bei Brot & Rosen oder irgendwelchen Freund*innen wohnen. Menschen, die ein Zimmer bei uns bräuchten, haben eine immer fragilere rechtliche Perspektive. Für uns stellt sich dann die Frage, auf welche Zeiträume des Zusammenlebens wir uns miteinander einstellen.
Bewegung im Haus
Wir hatten zwei Mitbewohner, die jeweils nur ein paar Wochen bei uns einen Unterschlupf fanden und dann weiterzogen. Der Auszug eines langjährigen Mitbewohners steht im April an. Zum Jahresende zog unsere syrische Mitbewohnerin nach über 6 Jahren aus, zusammen mit ihrem erwachsenen Sohn, der ebenfalls lange bei uns wohnte. Elli Langner, die über ein Jahr lang mitgelebt und die Aufgaben des Hauses und der Mitbewohner*innen mit gestemmt hat, verlässt uns Ende März – erfreulicherweise mit der Ansage, im Sommer, wenn viele von uns verreist sind, hier präsent zu sein. Für vier Wochen lebt Eileen bei uns mit, um das Leben in unserer Hausgemeinschaft auszuprobieren. Wir haben uns über das Puppentheater kennengelernt. Beruflich arbeitet sie in einer Tischlerwerkstatt.
Eine besondere Erfahrung war der Besuch dreier junger Schülerinnen aus Leipzig für 10 Tage Anfang Februar (s. ihr Bericht). Bereitwillig packten sie mit an und erlebten unser Haus mit offenen Augen und Ohren. Zusammen mit Birgit Gödde renovierten sie Zimmer und malten neue Transparente für die Friedensmahnwache, die zweimal monatlich in der Innenstadt stattfindet.
Es gibt was zu feiern
Judith Samson lebt seit über drei Jahren mit uns im Haus. Nun wird sie an Ostern Gemeinschaftsmitglied. Wir freuen uns!
Und wir gehen ja auf unser 30jähriges Jubiläum zu, das wir am 6.6.26 nachmittags feiern wollen. Für diesen Zweck haben wir ein paar Zimmer prophylaktisch reserviert. D.h. auswärtige Menschen, die gerne mitfeiern wollen, müssten sich unbedingt bis Anfang April bei uns melden, damit wir wissen, wie viele Zimmer wir benötigen. Es handelt sich um ein nahegelegenes Gästehaus/ Hotel und die Seemannsmission in der Innenstadt. Nähere Infos könnt Ihr per E-Mail bei uns erfragen.
Ferner haben wir Ende Februar in einer gemeinsamen Aktion die Spendenquittungen verschickt und uns handschriftlich bei den vielen Spender*innen bedankt (auch eine Art Deutschunterricht für einige 😊). Wer eine Quittung oder Dank vermisst, möge sich bei uns melden – bis 300€ gelten Spenden übrigens auch ohne Quittung als steuerabzugsfähig. Wir sind so froh, dass auch im 30. Jahr die Unterstützung von außen so groß ist, sodass dieses Haus der Gastfreundschaft weiter bestehen kann als Anlaufstelle für Schutzbedürftige. Denn viele Kosten, kürzlich auch die Miete, sind gestiegen. Teil unseres Engagements ist es, auch am politischen Protest teilzunehmen, z.B. an Demos. So waren Judith, Birgit und ich als „Mutbotschafter:innen“ bei der Prüf-Demo im Februar und beim Frauenstreik im März mit unterwegs. Wir nahmen Fotos von historischen Frauen-Vorbildern mit, die unseren Kampf für Frieden, für gleiche Rechte etc. zuvor gekämpft haben. Und die, so glauben wir, heute auch ihre Stimme erheben würden, wären sie noch am Leben.
So bleibt unser Leben ein ständiges Wechselspiel zwischen Arbeiten im Haus und Engagement draußen. Es gibt so, so viel zu tun. Wir müssen immer wieder darauf achten, nicht die Balance zwischen Agieren und Atem holen zu verlieren. Unsere Spiritualität trägt uns. Als Gemeinschaft spüren wir, was der Lyriker und Autor Max Czollek so schön ausgedrückt hat: „Allein sind wir erledigt. Zusammen erledigen wir das!“ ■

