von Dietrich Gerstner / März 2026
Den kompletten Februar verbrachte ich in Palästina und Israel, um dort verschiedene Friedens- und Menschenrechtsgruppen zu besuchen und bei ihrer Arbeit mitzuwirken. Aus meinen Erfahrungen hier einige Zeitschnipsel. Das komplette Reisetagebuch ist auf unserer Internetseite zu finden.
Montag, 2.2.:
Die Anreise von Hamburg über Tel Aviv (incl. Einreise) und Jerusalem nach Bethlehem war flüssig. In Israel sind all die großen Poster über die Geiseln verschwunden, alles wirkt äußerlich normaler, und das soll es wohl auch. Aber in der Altstadt von Jerusalem und Bethlehem fehlen nach wie vor die Tourist*innen, entsprechend verzweifelt wurde ich z.B. von einem Taxifahrer angesprochen…
Dienstag, 3.2.:
Die Fahrt in die paläst. Süd-Hebron-Hügel, in die Gegend von Massafer Yatta, offenbarte das ganze Drama und die aktuelle Brutalität der Besatzung, wie sie täglich erlebt wird. Hier Kurzberichte von den drei Stationen:
Wir waren unterwegs mit Guy B. von Ta’ayush, einer israelischen Menschenrechtsorganisation für Aufklärungsarbeit und aktive Schutzpräsenz gegen die Besatzung in der Westbank, aktuell v.a. im Massafer Yatta-Gebiet. Dieses umfasst eigentlich 20 kleine Dorfgemeinschaften, die seit 1981 um ihr Existenzrecht auf ihrem Land…kämpfen, dabei eine enorme Resilienz gegen die Vertreibung zeigen und dabei sogar manches erreicht haben (gegen die Besatzungsbehörden), z.B. in At-Tuwani.
Der erste Stopp war im Gästehaus des Dorfes, wo eine Gruppe italienischer Aktivist*innen von der Gruppe Operazione Colomba ( die „Tauben“) wohnt – einige für mehrere Wochen, andere für Monate… Wow, was für ein Engagement dieser jungen Leute, die aus ihrem eigenen italienischen Verständnis linker Kämpfe die Dorfkollektive in Massafer Yatta seit über 20 Jahren (!) mit immer wieder neuen Leuten unterstützen: Gut vorbereitet mit einem Training in Italien, sehr aufeinander achtend, wie es ihnen geht und klar in der solidarischen Haltung. „Protective Presence“ ist der Begriff dafür. Allerdings hat es sich in den letzten Monaten bzw. seit dem 7.10.23 so verändert, dass sie früher z.B. Kinder zur Schule begleiteten oder Hirten beim Hüten der Schafe, während sie heute v.a. bei Familien zuhause versuchen zu helfen, dass sie überhaupt noch hierbleiben und leben können. Denn alleine schon zu bleiben ist Widerstand! Präsenz, Zuhören, signalisieren „Ihr seid nicht alleine!“ … Auf die Frage nach der Motivation: „Wir sind Werkzeuge für die Menschen, um ihnen zu nützen.“ Und: “Wir haben nicht das Privileg, die Hoffnung verlieren zu dürfen.“
In At-Tuwani gibt es immerhin Strom und Wasser vom Netz, denn die meisten Orte haben nur Zisternen und Solarkollektoren. Und sie haben sich über viele Jahre eine Schule erstritten bzw. heimlich bei Tag und Nacht ein Haus mit drei Klassenzimmern „illegal“ selbst gebaut. Ca. 30 Jahre später sind es 27 Klassen, obwohl alles zunächst wieder abgerissen werden sollte. At-Tuwani ist übrigens der Ort von Basel Adra, dem Ko-Direktor des Oskar prämierten Films „No Other Land“ und sozusagen die Hauptfigur mit seiner Doku-Arbeit. Seine Mutter war die Initiatorin der Schule und berichtete uns diese ermutigende Geschichte…
Für mich war es beeindruckend, Basel Adra persönlich zu begegnen, nachdem ich den Film gesehen hatte und immer wieder Artikel von ihm lese im Magazin +972 (gemeinsames paläst.-israel. englischsprachiges Onlinemagazin mit vielen wichtigen Infos über Westbank, Gaza und paläst. Leben in Israel). Aus seiner Sicht ist die aktuelle Besatzungssituation bedrohlicher denn je aufgrund der zunehmenden direkten Gewalt gegen Infrastruktur, Tiere und Menschen und wegen der zunehmenden Farmen, Weinplantagen und eigenen Herden der Siedler, die faktisch das Land der paläst. Bewohner*innen anders nutzen und ihnen damit die Lebensgrundlagen immer mehr rauben. Und diese Gewalt ist in den letzten Tagen und Wochen sehr real gewesen: Diebstahl von 300 Schafen, Zusammenschlagen von Menschen, auch von älteren Frauen, und Blockieren der Ambulanzfahrzeuge durch Siedler-Soldaten, Anzünden von Häusern, Tränengas selbst gegen Kinder etc. So machte er auf mich in gewissem Maße einen resignierten Eindruck, während das Haus, in dem wir uns trafen wie ein Bienenstock wirkte, so viele junge Aktivist*innen (sogar aus Hamburg!) waren dort zur Mittagspause und zum Ausruhen und haben dort z.T. ihr Basislager.
Der dritte Stopp war nochmals sehr eindrücklich, sowohl wegen der bedrückenden Realität aber auch wegen der Standhaftigkeit („Sumud“) der dort lebenden Menschen im Angesicht der immer engeren Einkreisung durch eine Siedlung und einen Siedlungsaußenposten: Umm Al Khair, ein Dorf mit 300 Menschen in 36 Familien. Hier wurde letzten Sommer der gewaltfreie paläst. Aktivist und Bewohner Awdah Hathaleen von einem extrem gewalttätigen Siedler erschossen. Ich hatte in +972 mehrmals darüber gelesen: über die Straflosigkeit des Täters, wie der Leichnam von den Behörden entführt und nur unter entwürdigenden Bedingungen zurückgegeben wurde und wie der Ausbau des Siedlungsaußenposten direkt auf paläst. Land einfach weiterging. Aber es ist etwas anderes, wenn es uns von seinem Bruder Khalil und seinem Cousin Eid erzählt wird. Und diese beiden Männer, die allen Grund zum Hassen und zur Verzweiflung hätten, halten an der Hoffnung fest und bringen Sätze wie diesen über die Lippen: „Die Jüd*innen und wir sind eigentlich Cous*inen. Frieden wird eines Tages kommen. Ich hasse diese Kinder nicht (Siedlerkinder gehen am Grundstück vorbei), es wäre schön, wenn sie mit unseren Kindern Fußball spielen würden.“ …
In Bethlehem gibt es nach wie vor drei Flüchtlingslager aus der Zeit der Nakba (1948) und Naksa (1967), die alle unter der Verwaltung der UNRWA stehen, mit jeweils 1.000 bis 15.000 Einwohner*innen. Aus Zelten wurden über die Jahre Baracken / Hütten und später in die Höhe wachsende Häuser. Auf engstem Raum von 0,07 qkm leben z.B. im Flüchtlingslager Ayda über 5.000 Menschen direkt an der Sperrmauer. Immerhin gibt es eine gute Klinik und zwei Schulen für Jungs und Mädchen sowie ein großes Jugendzentrum und noch einige andere zivilgesellschaftliche Einrichtungen… Alles wirkte friedlich und ruhig, bis wir erläutert bekamen, was hier wiederkehrende Realität ist: Ayda ist vermutlich der am heftigsten von Tränengas betroffene Ort der Welt, was Schocks und sehr weitreichende gesundheitliche Schäden verursachen kann. In den letzten Jahren wurden mehrere Teenager von Scharfschützen z.T. von den Mauertürmen, z.T. bei Angriffen der Armee auf das Camp erschossen. Unser Führer Ali, verheiratet und drei Kinder, hatte ca. 100-mal das Militär in seiner Wohnung mitten im Camp, meist auf der Suche nach irgendwem, meist mitten in der Nacht. Nächtliche Überfälle auf das Camp mit Festnahmen und Gewalt geschehen auch als „Übungen“ für neue Soldaten, so wurde es Ali einmal bei der Entlassung ins Gesicht gesagt. etc. Dazu die desolate wirtschaftliche Lage: Alis Familie ist 21 Monate im Rückstand mit den Mietzahlungen, er hat größte Mühe, lebensnotwendige Medikamente für ca. 300 $ im Monat zu finanzieren, da das UNRWA-Hospital zwar behandelt, aber keine Medizin zur Verfügung stellt. Und die Menschen sind mit vielen Krankheiten geplagt – Besatzung macht krank, körperlich und seelisch!!!
D ienstag, 10.2. am Abend:
Aktuell bin ich mit Rabbis for Human Rights (RHR) in Khamm al Ahmar, einem Beduinenort in der Nähe des Museums zum „Guten Samariter“ auf halbem Wege zwischen Jerusalem und Jericho. Man könnte sagen, hier sind die Leute wirklich unter die Räuber gefallen, u.a. da direkt auf dem Hügel über ihnen ein Siedlungsaußenposten ist.
Was als netter Abend mit Musik für die Kinder und mit Freude am Miteinander begann, wurde plötzlich sehr durcheinander gebracht zunächst durch Nachrichten von anderen Stammesangehörigen aus dem Jordan Tal, wo es eine große Zerstörung am Rande der Stadt Jericho gegeben hatte und wohin einige Männer aus der Gemeinschaft sofort hinfuhren. Und dann gab es plötzlich einen Zwischenfall mit jugendlichen Siedlern, die mit ihren Maultieren an der Autobahn entlang geritten kamen und sich dann zum Beduinenort mit Stöcken und Steinen hinbewegten und Stress machten. Das ging einige Male hin und her, am Ende waren sie verschwunden, das Militär kam, später auch die Polizei, und jetzt ist es noch offen, wie es weitergeht.
Mittwoch, 11.2. am Morgen:
Leider hat sich die Lage vor Ort und auch für mich persönlich sehr unangenehm weiterentwickelt…
Gegen 0:30 Uhr legten wir uns in einem gemeinsamen Raum, der die ganze Nacht erleuchtet war und die Tür offen…. Offenbar schliefen wir alle (zu) gut und schnell fest ein, denn gegen 1:20 sind (wahrscheinlich dieselben) zwei Siedlerjungs bei uns eingebrochen und haben drei Smartphones, ein Ladegerät und mein Umhängetäschchen gestohlen. So sagt es die Überwachungskamera. Mein Smartphone ist auch dabei, da es am Ladegerät hing. Was ein Scheiß!
Und dann der nächste Schreck: Die zwei linken Reifen des robusten Pickup-Trucks von RHR waren auch platt und zerstochen. Das war offenbar ein Racheakt dafür, dass die Polizei die beiden Jungs kurz festgenommen, aber dann wohl nur eine „Stay away“-Order gegeben hatte. Wie viel die genützt hat, lest Ihr grade. …
Mittwoch, der 25.2.:
In weniger als 2 1/2 Stunden habe ich heute Morgen einen Weltenwechsel vollzogen. Vergangene Nacht habe ich nochmals als Teil eines Dreier-Teams mit RHR eine Nacht bei derselben Beduinengemeinschaft in der Nähe des „Guten Samariters“ verbracht. Erfreulicherweise blieb alles ruhig. …
Um 7:30 brachen wir auf, ich wurde an einer Bushaltestelle an der Route 1 abgesetzt und nahm einen „Siedlerbus“ nach Jerusalem – praktisch keine Kontrolle am Checkpoint der Fahrgäste, obwohl ich offensichtlich nicht „dazu“ gehörte – und von dort einen Zug nach Tel Aviv, wo ich um 10:15 im 7. Stock eines Hochhauses im Büro der Heinrich Böll-Stiftung saß, um gemeinsam mit einer pfälzischen Kirchendelegation ein Gespräch mit dem Büroleiter Ofer Waldmann zu führen, der das Büro leitet.
Nach über drei Wochen Westbank und zuletzt bei Beduinen war die Ankunft in Tel Aviv wie ein Kulturschock: Hochhäuser ohne Ende, wahre Glaspaläste, eine Vielfalt an Sprachen und Kulturen, eine vollkommen andere Körperfreizügigkeit als im muslimisch geprägten Westjordanland… Wow, daran muss ich mich erst mal wieder gewöhnen. Viele Ecken erinnern an Paris, London oder Berlin oder an US-Großstädte, und das alles unter Palmen am Mittelmeer.
Nur ein paar Gedanken von Ofer Waldmann, der ebenfalls bestätigte, dass die Situation in Israel-Palästina so bedrohlich sei wie nie zuvor:
– Angesprochen auf „Hoffnung„: Oft habe er keine, aber, um es angelehnt an Hannah Arendt zu sagen: „Hoffnung ist ein Versprechen, das wir uns selber geben.“ Oder, wie Maon Inon, ein israel. Friedensaktivist, der seine Eltern am 7.10.23 verloren hat, sagt: „Hoffnung wird nicht gegeben, sondern getan.“
– Und wenn schon „Staatsräson„, dann müsste das bedeuten, Israel wirklich kritisch zu begleiten und von außen zu kritisieren, denn „wir schaffen das hier nicht alleine, wir als Zivilgesellschaft brauchen die Unterstützung von außen.“
Und dann erlebte ich noch was Ermutigendes: Als ich heute Morgen im Zug saß, sprach ich meinen Sitznachbarn zunächst an wegen Unterstützung bei der Orientierung in Tel Aviv. Dann kam ich langsam über die aktuelle Kriegsgefahr mit dem Iran auf den Gazakrieg und die Situation im Land zu sprechen. Er, 30-jährig, religiös, Reservist im Militär und auch in Gaza, war erfreulich offen und noch erfreulicher empathisch mit den Menschen in Gaza („der schlimmste Ort, den Du dir auf Erden vorstellen kannst“) und der Westbank. Seine klare Aussage: Wir müssen zusammenleben (lernen), dazu gibt es doch keine Alternative. Und er nannte ein kleines Beispiel, wie er geschäftlich in Dubai mit jemandem zusammenarbeitete, der sich als Iraner entpuppte. „Wenn wir es können, dann muss es doch insgesamt gehen.“ Dieser Mann ist kein Friedensaktivist oder viel auf Demos, aber seine sowohl pragmatisch-friedensorientierte und empathische Art stimmte mich froh, als ich aus dem Zug stieg.
PS: Am Samstag, 28.2., griffen Israel und die USA den Iran an. Dieser Krieg hat sich mittlerweile auf den Libanon und die Golfregion erweitert, Ausgang ungewiss. Wie bei allen Kriegen zuvor vereint sich fast die gesamte israel. Gesellschaft hinter dem Krieg und stellt alle anderen gesellschaftlichen Themen hintenan. Ich hatte das Glück, die wenigen „Uneinigen“ bei Ta’ayusch, Combatants for Peace, Comet ME und ein paar anderen zu treffen.
Meine eigene Abreise aus dem Land verzögerte sich, aber am Ende gelang es mir, am 4.3. mit viel Unterstützung über Amman / Jordanien zurückzukommen. ■

