Der Traum vom Exodus…


von Shang Yu Chen / Januar 2026

… von Alabama nach Taiwan: Im Januar feierten wir in der Martin-Luther-King-Kirche in Hamburg-Steilshoop den Geburtstag von Dr. Martin Luther King jr. In dieser Veranstaltung hielt auch der Generalkonsul von Taiwan in Hamburg, Shang-Yu Chen, eine Rede. Diese hat uns beeindruckt, sodass wir sie in diesem Rundbrief gerne teilen.

Liebe Gemeinde, meine Damen und Herren, es ist mir eine große Ehre und Freude, heute hier in der Martin-Luther-King-Kirche gemeinsam mit Ihnen diesen besonderen Tag zu begehen. Wir feiern heute nicht nur den Geburtstag eines Mannes, sondern wir feiern das Erbe einer Vision, die die Welt verändert hat. (…)

Wenn wir an Martin Luther King denken, hören wir meist sofort diese vier weltberühmten Worte: „I have a dream.“ – „Ich habe einen Traum.“

Doch was bedeutet dieser Traum heute, im Jahr 2026, für uns? Dr. King träumte nicht von einer fernen Utopie. Sein Traum war fest in der Realität verwurzelt – in der schmerzhaften Realität von Ungerechtigkeit, Rassismus und Trennung.

Dr. King lehrte uns drei wesentliche Lektionen, die heute aktueller und notwendiger sind denn je:

Erstens: Die Macht der Gewaltlosigkeit. King erinnerte uns daran: „Dunkelheit kann Dunkelheit nicht vertreiben; das kann nur das Licht. Hass kann Hass nicht vertreiben; das kann nur die Liebe.“ Zweitens: Die unteilbare Verbundenheit der Menschheit. Wir alle sind Teil eines „unweigerlichen Netzwerks der Gegenseitigkeit“. Wenn die Rechte eines Menschen irgendwo verletzt werden, ist die Gerechtigkeit überall bedroht. Drittens: Der „Zwang zum Jetzt“ (The fierce urgency of now). Wir können nicht warten, dass die Gerechtigkeit von alleine kommt. Wir müssen ihr den Weg ebnen.

Liebe Gemeinde, Martin Luther King wäre heute 97 Jahre alt geworden. Wenn wir heute „Happy Birthday“ sagen, müssen wir uns fragen: Wo ist mein Platz in diesem Kampf für die Menschenwürde?

Dabei können wir nicht umhin, festzustellen, dass das Leben und der Kampf von Dr. King in vielerlei Hinsicht wie ein moderner „Exodus“ war. Für mich ist der Exodus das Sinnbild für Mut, für Entschlossenheit und für die Übernahme von Verantwortung. Er ist der konkrete Weg, wie der Traum – das „I have a dream“ – Wirklichkeit wird.

Ich komme aus Taiwan, einem kleinen, bergigen Land. Geopolitisch ist unsere Existenz zwischen den beiden großen Weltmächten, den USA und China, nicht einfach. Doch unsere Landsleute haben durch unermüdliche Arbeit nicht nur ein Wirtschaftswunder, sondern auch ein politisches Wunder vollbracht. Heute werden 90 % der weltweit fortschrittlichsten Halbleiter in Taiwan produziert. Wir genießen Demokratie und Wohlstand wie Sie in Deutschland.

Der Erfolg Taiwans ist im Grunde die Verwirklichung eines „Exodus-Traums“. Es war der Weg aus der Abhängigkeit hin zur Selbstbestimmung. Obwohl der Weg zum Erfolg voller Hindernisse war, haben wir bewiesen: Wenn wir den unerschütterlichen Geist von Dr. King weitertragen – diesen Geist, der keine Schwierigkeiten scheut –, dann können auch wir die Geschichte verändern und unseren rechtmäßigen Platz in der Welt einnehmen.

Eine Kirche, die den Namen Martin Luther Kings trägt, ist nicht nur ein Gebäude aus Stein. Sie ist ein lebendiges Versprechen. Sie ist ein Ort, an dem der Traum von der „Beloved Community“ – der geliebten Gemeinschaft, in der Gerechtigkeit und Frieden sich küssen – jeden Tag ein Stückchen mehr Wirklichkeit werden soll.

Lassen Sie uns diesen Geburtstag von Dr. King nutzen, um unseren eigenen Mut zu erneuern. Lassen Sie uns nicht verzweifeln, sondern uns von Kings unerschütterlichem Glauben an das Gute im Menschen anstecken.

Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Dr. King. Und uns allen einen schönen, inspirierenden Abend. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. ■