von Lexa Harloff und J.J. Düring / Oktober 2025
Lexa und Johannes leben seit 10 Jahren in Sandesneben in einem ehemaligen Pastorat und begleiten schutzsuchende Menschen im Kirchenasyl. Mittlerweile ist seitens des Staats die Kirchenasyl-Arbeit stark unter Druck – hier wird berichtet, was dies konkret bedeutet.
„Bitte Mama, lass uns die nächste Nacht in der Kirche schlafen. Da wohnt Gott und kann uns besser schützen – und die Schutzengel sind auch da.“ – diese Worte sagte die kleine Emily beim Aufwachen an einem Mittwoch im Oktober ihrer völlig verängstigten Mutter. Am Abend vorher erfuhren wir von einem für Donnerstagvormittag ab Hamburg georderten Abschiebeflug nach Bulgarien. Nach all dem was der jungen syrischen Witwe Rama und ihren beiden Mädchen Naya und Emily (12 und 8 Jahre alt) bei einer Rücküberstellung in ihr sogenanntes Dublinland drohen würde, versuchten wir das unter allen Umständen zu verhindern. Der Abschiebeflug war behördlicherseits die letzte Möglichkeit sie innerhalb der vorgegebenen Überstellungsfrist dorthin zu bringen. Damit hatte sich am Ende ihres Kirchenasyls alles noch mal dramatisch verschärft.
Wir alle standen noch unter Schock wegen der zwei Wochen vorher auf brutale Weise durchgeführten nächtlichen Abschiebung einer sehr vulnerablen kurdisch-türkischen Mutter und ihrer sechs minderjährigen Kinder aus Sandesneben. Sadet, Harun, Esma, Elif, Nazli, Mehmet und Enes waren uns in den letzten Jahren richtig ans Herz gewachsen. Sie gingen bei uns ein und aus, baten um Hilfe und nutzten unsere Integrationsangebote.
Würde die Polizei auch in den Hoffnungsgrund eindringen, um auch Rama, Naya und Emily die Härte des „Rückführungsverbesserungsgesetzes“ spüren zu lassen? Unterschwellig angedroht war es. Sechs Wochen waren wir bereits im Daueralarmzustand, der für uns nur durch die berührende solidarische Präsenz von Freunden und Freundinnen in der Herberge – vor allem nachts – auszuhalten war.
Aufgrund von Emilys Bitte haben wir dann alles umgeschmissen, ein Nachtlager in der Kirche auf dem Berg hergerichtet, die Nachbar*innen und Freund*innen informiert. Es war dann eine unvergessliche Nacht – mit ca. 40 Menschen in der Kirche. Die Zufahrten zum Hoffnungsgrund und zur Kirche waren durch die Autos von Nachbar*innen und Freund*innen blockiert. Schließlich wurden Drohnen am Nachthimmel über dem Dorf, dem Kirchberg und dem Hoffnungsgrund gesichtet. Der Organist kam gegen Mitternacht und spielte Mutmachlieder am Piano. Draußen wachten die Nachbar*innen. In der Herberge selbst waren ein paar Freund*innen und Johannes in Bereitschaft, dem Abschiebekommando am Tor oder der Haustür zuerst zu begegnen. Überall in der Kirche standen, saßen, lagen solidarische Menschen zwischen 15 und 80 Jahren. Wissend, dass sie im absoluten Ernstfall nur protestierende und höchstens aktionsverzögernde Zeug*innen sein könnten. Alle waren wir am Morgen dann glücklich und erleichtert, dass dieser Ernstfall nicht eingetreten war. Jetzt ist die Überstellungsfrist für Rama, Naya und Emily nach Bulgarien abgelaufen. Das Bundesamt hat dies nun auch bestätigt. Es ist alles immer noch unfassbar. Wir sind „auf, aber glücklich“. Das wurde dann auch bei einem von Rama zubereiteten gemeinsamen köstlichen syrischen Abendbüffet am Sonntag spürbar.
Dennoch bleibt die Realität, dass der Abschiebeflieger voll war. Nicht mit Straftätern, wie es immer kolportiert wird. Es sind in erster Linie die verletzlichsten, deren oft mühsamen Integrationsbemühungen durch einschüchternde Staatsgewalt zunichte gemacht werden. Das „Frauen und Kinder zuerst!“ dient offenbar nicht mehr der Rettung, sondern dem Erreichen von möglichst hohen Abschiebezahlen. Und die Rechnung scheint aufzugehen. Die ersten – eigentlich dringend benötigten – Fachkräfte verlassen freiwillig unser Land, weil ihnen immer offener gezeigte Ablehnung, Verachtung und Entwürdigung begegnet.
Auch für unsere anderen Gäste haben wir dieses Jahr gebangt und gezittert, gehofft und gefleht. Die meisten von ihnen waren gezeichnet oder auch verkrümmt durch bereits erfahrene Abschiebungen oder Abschiebeversuche. Das machte auch das gemeinsame Leben in der Herberge nicht unbedingt leichter…
Der erste konkrete Abschiebeversuch aus dem Hoffnungsgrund heraus galt im Frühjahr einer jungen Frau, die unter den Folgen schrecklicher Gewalterfahrung litt. Wochenlang haben wir vor jedem neuen Kontaktversuch mit der Behörde gebangt, gezittert und gehofft. Aber kein Gespräch, keine Bitte, nicht mal eine direkte bischöfliche Intervention im Namen der Humanität konnte die Verantwortlichen von der Abschiebung dieser Frau abhalten. Was angeordnet ist, hieß es trocken, kann nicht mehr angehalten werden. Daraufhin unternahm die Frau in der Herberge wenige Stunden vor der angekündigten Abholaktion einen verzweifelten Suizidversuch. Als ihm schließlich der abfotografierte Einlieferungsbericht der Intensivstation der Klinik weitergeleitet wurde, reagierte der Verantwortliche mit einem „Das tut mir aber leid. Dann kommt die Polizei natürlich nicht mehr“.
Wohin sind wir gekommen in unserem Land? Wohin haben wir uns treiben lassen?
Wenn wir von dem berichten, was da eigentlich vor unser aller Augen geschieht, begegnet uns oft ungläubige Fassungslosigkeit. „Was, so etwas geschieht in unserem Land?!“ ist die häufigste Reaktion. Verständnis für den Staat wird geäußert, denn „wir können doch nicht alle aufnehmen!“ Häufig kommt aber auch ein „Das kann ich gar nicht an mich heranlassen, das macht mir Angst und überfordert mich“.
In den amtlichen Berichten steht meist auch nichts drin von der ausgeübten Gewalt. Da wird das Verhalten der ausführenden Beamt*innen meist freundlich, verständnisvoll und professionell ruhig beschrieben. Kein Wort vom überfallartigen nächtlichen Eindringen in die einzelnen Räume und die schnellstmögliche Wegnahme der Mobiltelefone. Kein Wort von der Verweigerung, den Arzt oder die Anwältin zu kontaktieren. Kein Wort davon, dass den Betroffenen kein schriftlicher Hausdurchsuchungsbefehl gezeigt wird. Kein Wort von den Drohungen, man würde sie in Unterwäsche mitnehmen, wenn sie sich nicht sofort anziehen, oder dass die Kinder eben ohne die Mutter abgeschoben werden, wenn diese nun kollabiere. Wird der tatsächliche Ablauf einer solchen Abschiebung aber öffentlich gemacht, werden unwahre Behauptungen in den Raum gestellt. Die vorgebrachten Tatsachen werden einfach als überemotionale oder gar böswillige Falschaussagen über die immer nach den Vorgaben des Grundgesetzes handelnden deutschen Staatsdiener*innen dargestellt, die so etwas natürlich nie machen würden. Es ist nur eigenartig, dass von so vielen Abschiebungen in unserem Land nahezu identische Abläufe berichtet werden. So sehr, dass es wie ein fest eingeübtes, bewusstes Handlungsschema erscheint.
Dann ist da noch die Frage, wer denn zurzeit wirklich aus unserem Land abgeschoben wird (und wer nicht). Wer sich hinter den präsentierten Abschiebungszahlen verbirgt, welche Menschen das sind, wie alt sie sind, welches Geschlecht sie haben, ob sie in Arbeit, Ausbildung oder besonderen Situationen sind, integriert oder verwurzelt – all das spielt bei der Berichterstattung keine Rolle. Erwähnt werden in erster Linie die männlichen Straftäter, die Deutschland nun endlich losgeworden sei. Es wird auch nicht die immer zynischer werdende Sprache bei der Begründung der Ablehnung von Asylgesuchen seitens des Bundesamtes thematisiert, die einem oft nur die Augen reiben lässt, wenn man sie liest.
Schon gar nicht beantwortet ist die Frage, warum bei diesen Abschiebungen das Fundament unseres Grundgesetzes, der Artikel 1, de facto außer Kraft gesetzt wird. „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Da heißt es, „sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt“. Es besteht die Gefahr, dass der kostbarste Satz, den die deutsche Erfahrung und Geschichte jemals hervorgebracht hat, hier nicht vertreten, sondern zertreten wird. Wenn dieses humane Fundament aber nicht für jeden Menschen gilt – unabhängig von seiner Herkunft –, dann gilt es auch nicht (mehr) für uns. Dann brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn statt Sadet, Esma oder Mehmet wir selbst oder unsere eigenen Verwandten, Eltern, Kinder oder Enkel von solch einschüchternder Gewalt betroffen werden.
Wie sich die unbeschreibliche Angst und Panik vor Abschiebung anfühlt, haben wir dieses Jahr monatelang vor allem Nacht für Nacht auch im Hoffnungsgrund erfahren. Das Zusammenzucken bei plötzlichen Geräuschen von der Straße oder Lichtspiegelungen durch die Fenster. Das unruhige Umhergehen unserer Gäste in ihrer Wohnung über uns oder die Angstträume taten ein Übriges. Nicht in den Ruhemodus schalten zu können, immer auf Hab acht sein. Das macht mürbe. Eine solche Angst frisst die Seele auf. Sogar bei „nicht vollziehbar ausreisepflichtigen“ InländerInnen wie uns.
Wie gut, dass wir da in so vielen Nächten nicht allein waren mit dieser Angst. Unsere solidarischen Nachtgäste waren wie Schutzengel bei uns und ermöglichten der Hoffnung allem Druck zum Trotz von innen nach außen zu leuchten. Das hat immer wieder neu unser Vertrauen auf das bergende Mit-Dabei-Sein Gottes gestärkt.
Dieser Tage stand vor der Schule ein Auto mit dem Aufkleber „DIE HOFFNUNG KLAUT MIR NIEMAND“ Das wünschen wir euch allen für eure eigenen Situationen und Herausforderungen!

