von Dietrich Gerstner / September 2025:
Seit 1996 leben wir bei Brot & Rosen mit geflüchteten Menschen und Migrant*innen in schwierigen Lebenssituationen zusammen. Werte wie Gerechtigkeit, Solidarität, Mitgefühl und Barmherzigkeit sind unser ethischer Kompass für das praktische Zusammenleben. Unser Leitstern ist Jesus von Nazareth.
Selbstverständlich kennen auch wir spontane Gefühle wie Abwehr, Misstrauen oder Sorge vor Überforderung, wenn uns z.B. eine neue Gastanfrage erreicht. Manchmal ist es schlicht bequemer, sich mit der bestehenden Hausgemeinschaft im Hier und Jetzt einzurichten.
Wenn wir es dann doch wagen, unsere Haustür zu öffnen und neue Menschen in unserem Haus zu empfangen, wenn wir einander begegnen und unser Herz füreinander öffnen, dann erfahren wir oft und immer wieder neu ein Wunder. Denn in dem Augenblick, in dem wir uns wirklich auf bisher Fremde einlassen und unser Zuhause mit ihnen teilen, wenn wir einander nach und nach kennenlernen und miteinander vertraut werden, dann werden aus diesen „Fremden“, behördlichen „Fällen“ und anonymen „Zahlen“ aus der Asylstatistik Mitmenschen! Mir fällt für dieses Erleben aktuell kein besseres Wort ein als „Menschwerdung“.
Dann erfahren wir wieder neu diese alte Wahrheit aus der Bibel: Wir sind ALLE als Ebenbilder G°ttes geschaffen. Alle Menschen sind als Geschwister und als eine Menschenfamilie geschaffen, egal was uns die Fundamentalist*innen jeglicher religiöser oder ideologischer Prägung mit ihrer Aufteilung in „Wir drinnen“ und „Die draußen“ glauben lassen wollen!
Um diese Wahrheit zu bekräftigen, so glauben wir Christ*innen, kam G°tt selbst in Jesus von Nazareth als Mensch zur Welt. Dietrich Bonhoeffer, der von den Nazis 1945 ermordete Theologe, drückte es so aus: „Gott wird Mensch, wirklicher Mensch. Während wir uns bemühen, über unser Menschsein hinauszuwachsen, den Menschen hinter uns zu lassen, wird Gott Mensch und wir müssen erkennen, dass Gott will, dass auch wir Menschen, wirkliche Menschen, seien“ (aus: Ethik, DBW Band 6, S. 70).
Immer wenn diese „Menschwerdung“ geschieht, ist sie für mich wie ein sich neu ereignendes Wunder. Dann wird dieser Mensch Teil unserer Hausgemeinschaft und wir tun alles dafür, dass sie*er sich sicher und zuhause fühlt. Und wir lassen keinen Zweifel daran aufkommen, dass wir uns für sie*ihn einsetzen. Dieses Wunder vollzieht sich manchmal innerhalb weniger Tage oder Wochen, auf alle Fälle schneller als neun Monate, der Dauer einer „üblichen“ Menschwerdung ?.
Und was hat das alles mit Gerechtigkeit zu tun? Bei Gerechtigkeit geht es vor allem darum, wie wir unsere Beziehungen zu unseren Mitmenschen gestalten – vom Persönlichen bis zum Gesellschaftlichen und Globalen. Wir werden einander gerecht, wenn wir unsere gemeinsame Menschlichkeit wahrnehmen, wenn wir unsere gemeinsame G°ttesebenbildlichkeit ernst nehmen. Dies gilt gegen alle Entmenschlichung, die wir momentan weltweit u.a. im Umgang mit Geflüchteten, Armgemachten oder vermeintlichen Feind*innen erleben. Dann werden wir versuchen, unseren zuvor noch fremden Menschengeschwistern in ihren Nöten und Bedürfnissen gerecht zu werden. Wenn das gelingt, dann geschieht „Menschwerdung“ – nicht nur bei Brot & Rosen oder an anderen solidarischen Orten, sondern auch in der Gesellschaft.
Dann ereignet sich Weihnachten, möglicherweise mitten im Jahr. Diese Erfahrung wünsche ich Euch und Ihnen allen! ■

