von Judith Samson / September 2025:
„Der Zug mit dem Ziel Resignation ist längst abgefahren, wir müssen einfach hoffen, dass es eine gute Lösung für alle geben wird“, so Daoud Nasser, Leiter des Familienbetriebs Tent of Nations (ToN) in der Nähe von Betlehem während meines zweiwöchigen Aufenthalts dort im August. Im März hatte Dietrich Gerstner über seinen Besuch dieses Ortes und der Lage in Israel-Palästina berichtet (RB 115 und ausführlich auf unserer Webseite). Daher knüpfe ich an und berichte hier nur Neues.
Wie sich im Winter schon abzeichnete, wurde der Neubau für die Häuser der Siedler*innen unmittelbar vor dem Zaun des Grundstücks in hohem Tempo fortgesetzt. Ausgeführt wird er größtenteils durch palästinensische Arbeiter, was für uns Freiwillige immer wieder die Frage aufwarf, was in ihnen wohl vorgehe und uns ihre ökonomische Not deutlich vor Augen führte.
In der sommerlichen Hitze waren wir zeitweise 14 Freiwillige aus verschiedensten Berufen und unterschiedlichen Alters, vor allem aus den Niederlanden und Italien. Unsere Arbeit richtete sich besonders auf die Bewässerung und Pflege der neu angepflanzten Wein- und Olivenbäume, wobei uns manches Mal auch verschiedene Exemplare der über 21 heimischen Skorpionarten begegneten. Begleitet wurde unsere Arbeit draußen durch verschiedenste Geräuschkulissen: Da waren einerseits das Dübeln der Bauarbeiter und die Rufe der drei Moscheen, die sich in der Nähe befinden. Andererseits hörten wir vor allem die Bombardierung Gazas, das nur etwa 70 Kilometer von uns entfernt lag.
Für mich klang das zunächst wie ein entferntes Donnergrollen. Als ich es dann wusste, blieb es für mich eigentlich bis zum Schluss surreal. Manchmal habe ich eine kurze Pause eingelegt und gebetet, manchmal habe ich weitergearbeitet. Da wir meistens mit den Bäumen beschäftigt waren, habe ich dann auch an das Zitat gedacht, das Luther zugeschrieben wird: „Selbst, wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch einen Apfelbaum pflanzen!“
Der Neubau direkt an der Grundstücksgrenze stellt natürlich eine massive Bedrohung für das ToN dar und zieht praktische Konsequenzen nach sich. Daoud Nasser hat sowieso immer neue Pläne für Räume und Strukturen auf dem Gelände. Jetzt beschloss er, seine eigenen „Gästezelte“ an der Grundstücksgrenze im Windschatten des Ausbaus der Siedlungshäuser fertig zu stellen, damit zukünftig Gäste, die für einen Tag kommen, dort übernachten und am eigenen Leib die Situation erleben können. Gleichzeitig bat er uns, auf nächtliche Besuche der Kompostklos zu verzichten, damit die Überwachungskamera der Siedler*innen nicht alarmiert würde und sie eine Gefahr durch Bewegung auf dem Gelände vermuten könnten. Auch sollten wir in der Nähe der Kamera möglichst leise und nicht über Politisches sprechen, weil zu vermuten ist, dass sie alles mithören können. Zugleich soll der Ort für zukünftige Sommercamps verlegt werden in einen anderen Teil des Grundstücks, damit die Kinder nicht direkt mit den Siedler*innen konfrontiert werden würden. Zu diesem Zweck führten wir eine größere Aktion durch, bei der wir Steine von einem Platz an den anderen verfrachteten. Das Duschen auf zwei Mal die Woche für jeweils eine Minute zu beschränken, war dabei schon eine Herausforderung.
Da die Blockaden bzw. Checkpoints um Bethlehem immer weiter zunehmen und Daoud manchmal einige Stunden nicht losfahren konnte bzw. lange brauchte, um wieder nach Hause zu gelangen, ist ein weiteres Projekt die Installation einer Filteranlage, mit der aus Regenwasser Trinkwasser gewonnen werden kann. So soll der Ort noch weiter an Autarkie gewinnen.
Das Motto „Wir weigern uns, Feinde zu sein“ zu leben sei nicht leicht, gab Daoud zu. Und auch in einer ständigen Wachsamkeit zu leben: gegenüber Brandgefahren, der Möglichkeit von Videoüberwachung, der Räumung, jetzt auch Bombenalarm und selbst gegenüber Nachbarn – das macht das Bewahren einer positiven Grundhaltung gegenüber den Mitmenschen und der Zukunft der Palästinenser*innen im Land zu einer immensen Herausforderung. Für mich war die Zeit beim ToN auch Inspiration. So sagte Daoud, dass sie uns Freiwillige genauso stärken wollen durch unseren Aufenthalt, wie wir das ToN unterstützen. Persönlich musste ich immer wieder an das Dorf Lützerath im Rheinischen Braunkohlegebiet denken, wo ich die Räumung am eigenen Leib miterlebt habe. Das war ein schwerer Schlag für die Klimabewegung, und der sich anschließende Politikwechsel, der das Thema Klimawandel zu einer Nebensache werden ließ, macht es mir als Klimaaktivistin nicht leicht, hoffnungsfroh zu bleiben. Da hilft mir diese Erfahrung von „Sumud“ (Widerstandskraft) sehr. Und natürlich auch der Gedanke: Nur wenn wir eine positive Vision haben, kann diese auch zur Realität werden. Da sind wir als Christ*innen eigentlich doch prädestiniert dafür! ■
Aktuelle Infos zum ToN gibt es auf ihrer Internetseite und z.B. beim deutschsprachigen Freundeskreis des ToN.

