Potluck: Friedenspraxis am Esstisch


von Ingeborg Ott / München / Juni 2025:

Ingeborg Ott ist eine im wahrsten Sinne des Wortes alte Freundin von Brot & Rosen. Verbunden sind wir über die Friedensarbeit und die gemeinsame Überzeugung, dass Begegnungen grundlegend für die Entfeindung in unserer Welt sind. Wir sind dankbar für Ihren ganz praktischen Beitrag zur Förderung des Zusammenlebens.

Danke für die Worte zum „Potluck“ im letzten Rundbrief. Sie haben mich angeregt, darüber nachzudenken, was meine eigenen Potlucks für mich selbst bedeuten.

Seit einiger Zeit gibt es bei mir jeden Monat ein Potluck. Dazu lade ich bis zu fünf Gäste ein. Damit alle einander zuhören, und es keine Seitengespräche gibt, sitzen nicht mehr als sechs Menschen um meinen Tisch. Es sind immer ein oder zwei Gäste dabei, die ich gar nicht oder kaum kenne; je fremder, umso lieber – viele Nationen sind inzwischen dabei. Die anderen Gäste, meine Freundinnen und Freunde, mische ich so, dass sie sich nicht jedes Mal treffen.

Es sind reine BEGEGNUNGSABENDE. Alle erzählen etwas über ihren Lebenshintergrund und davon, was ihnen wichtig ist. Was sind das für zugewandte, teilnahmsvolle Gespräche! Und was lernen wir alle aus so unterschiedlichen Lebenswelten!

Angefangen hat es vor Jahrzehnten, als ich meine Geburtstagsgäste bat, statt Geschenken etwas zu essen mitzubringen. Das war immer für Überraschungen gut und gab jedes Mal ein großes HALLO. Solche Einladungen gab es dann unregelmäßig, auch außerhalb der Geburtstage. Immer öfter veranstaltete ich solche Potluck-Abendessen.

Und dann wurde mir bewusst, wie anonym wir oft nebeneinander her leben, wie in unserer Gesellschaft das Freund-Feind-Denken, die Vorurteile zunehmen – dass wir mehr Orte für Begegnungen brauchen. Hinzu kommt, dass ich 88 Jahre alt und beim Gehen eingeschränkt bin. Daher nicht mehr so oft in die Welt hinaus kann. Also muss ich die Welt zu mir hereinholen.

Wie ich zu meinen Gästen komme? Es ist ein Vorteil, in einer Großstadt wie München zu wohnen. Entweder ich höre von Jemandem oder lese von einer Person in der Zeitung. Manchmal bin ich auch in einer Veranstaltung und spreche dort eine Besucherin, einen Besucher an oder jemanden von der Organisation. Manchmal bringt auch ein Gast jemanden mit.

Wie bereichernd und beglückend sind diese Potlucks für mich geworden! Auch, wenn die Gäste manchmal zueinander finden! Die Protestantin und die Muslimin, die ein gemeinsames Seminar organisieren. Eine Bahai-Anhängerin staunt, dass sie zum ersten Mal ein männliches Ehepaar trifft. Und einer der Ehemänner bekennt, dass er noch nie etwas über die Religion der Bahais gehört habe. Ein investigativer Filmemacher lernt einen Klimaaktivisten kennen und nimmt auch das Thema Klimawandel in seinen neuen Film hinein.

Ach, soviel wundervolle Begegnungen und Möglichkeiten, Vorurteile los zu werden und Verständigung zu gewinnen. Ich habe die Vision: Wenn viele Potlucks überall auf der Welt stattfänden, könnte es keine Kriege mehr geben. ■