Friedensfähig werden: Weckruf von Christ*innen


Hannover, 1. Mai 2025:

Aus Anlass des Evangelischen Kirchentags fand sich am 1. Mai 2025 eine „Friedenssynode“ in Hannover zusammen, die folgende Erklärung veröffentlichte, die nun in den Kirchen weiter diskutiert und umgesetzt werden soll. Wir unterstützen diesen pazifistischen Impuls angesichts der Ertüchtigung zum Kriege führen in unserer Welt.

Am 8. Mai 1945 endete der Zweite Weltkrieg. „Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus!“ lautet die Lehre daraus. Jetzt ist erneut von „Kriegstüchtigkeit“ die Rede.

Jesus Christus aber sagt: „Selig sind, die Frieden stiften“. Die aktuellen Kriege sind für uns eine Mahnung zur Umkehr. Gottes Wort ruft uns, friedensfähig zu werden.

1. Du sollst nicht töten! (2. Mose 20,13) 
Das Tötungsverbot gilt auch angesichts von Krieg und Gewalt. In jedem getöteten Menschen stirbt ein Ebenbild Gottes. Wir können keine Waffen auf andere Menschen richten, weil wir „damit die Waffen auf Christus selbst richteten“ (Dietrich Bonhoeffer).

2. Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen! (Matthäus 5,44) 
Es wird gesagt, Aggressoren müssten auf dem Schlachtfeld besiegt oder militärisch zu Verhandlungen gezwungen werden. 
Jesus Christus mutet uns jedoch zu, unsere Feinde zu lieben. Das bedeutet nicht, Unrecht und Aggression hinzunehmen. Doch es verlangt, sich von vereinfachendem Gut-Böse-Denken zu lösen und die eigene Mitverantwortung für die Entwicklung von Konflikten zu erkennen.

3. Denn uns ist ein Kind geboren, ein … Friedefürst. (Jesaja 9,5) 
Es wird gesagt, wir erlebten eine Zeitenwende, die eine Politik der militärischen Stärke erfordere. 
Für uns hat sich die Zeitenwende in Jesus Christus ereignet. Wir setzen nicht auf die Gewalt der Waffen, sondern auf Diplomatie und gewalt-freien Widerstand.

4. Ihr wisst, dass die Herrscher ihre Völker niederhalten und die Mächtigen ihnen Gewalt antun. So soll es nicht sein unter euch. (Matthäus 20,25f) 
Es wird gesagt, Menschen zum Kriegsdienst zu zwingen sei legitim, um Freiheit und Menschenrechte zu verteidigen. 
Unsere Solidarität aber gilt allen, die den Kriegsdienst verweigern oder sich ihm entziehen. Das Recht auf Kriegsdienstverweigerung ist ein Menschenrecht.

5. Stecke dein Schwert an seinen Ort! Denn wer das Schwert nimmt, der wird durchs Schwert umkommen. (Matthäus 26,52) 
Es wird gesagt, Gewaltverzicht sei naiv, unrealistisch und unvernünftig. 
Jesus aber lehrt uns die Vernunft eines Gewaltverzichts, der die Spirale der Eskalation durchbricht. Krieg produziert ungezählte Tote, Verletzte, Vertriebene und Traumatisierte. Er bedroht das Leben auf unserer Erde, bis hin zur atomaren Vernichtung. Darum treten wir ein für die Rückkehr zur Abrüstung und den Verzicht auf Rüstungsexporte.

6. Und der Gerechtigkeit Frucht wird Friede sein, und der Ertrag der Gerechtigkeit wird Ruhe und Sicherheit sein auf ewig. (Jesaja 32,17) 
Es wird gesagt, die Wirtschaft müsse wachsen. 
Dies führt ökologisch und sozial in eine Sackgasse. Der Wettstreit um Ressourcen führt heute schon zu Kriegen. Die Folgen sind verheerend, vor allem für den globalen Süden. Jesus Christus jedoch hat das Teilen und die Rücksichtnahme gelehrt. Voraussetzung für den Frieden ist eine Wirtschaft, die das Gemeinwohl sowie den Umwelt- und Klimaschutz in den Mittelpunkt stellt.

7. Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Speere zu Sicheln … und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen. (Micha 4,3) 
Es wird gesagt, wir müssten kriegstüchtig werden und Frieden durch Aufrüstung sichern. 
Wir aber wollen friedensfähig werden. Geld, Zeit, Kreativität und andere Ressourcen müssen in die soziale, kulturelle und ökologische Transformation investiert werden statt in Waffen und Krieg. Wer Frieden will, muss Frieden üben. Wir beten und arbeiten für eine Kirche, die den Frieden Jesu Christi bezeugt und ausbreitet. Wir treten ein für eine Welt ohne Gewalt. Wir ermutigen uns gegenseitig zu einer Praxis des Friedens – im Vertrauen auf Gottes Frieden. ■

V.i.S.d.P. Paul Bosler, Lutherkirche, Jakobstraße 17, 72622 Nürtingen für die Initiative Christlicher Friedensruf Hannover 2025

Leseempfehlung: Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft – Biblische Grundlinien 
D
ie sogenannte Zeitenwende wird begleitet von einer zunehmenden Militarisierung von Sprache und Gesellschaft. Die Rede ist von kriegstüchtig werden. Warum heißt es nicht verteidigungsfähig usw.? Das vorliegende Buch zeichnet die Linien der biblischen Überlieferung nach, die uns als Kirche Orientierung geben und helfen, einer solchen Entwicklung zu widersprechen. Die einzelnen Beiträge rufen jene Stimme in Erinnerung, die „höher ist als alle Vernunft“ und uns herausfordert, über das Bestehende hinauszudenken und die Perspektive von Versöhnung auch in finsteren Tagen festzuhalten.  ■

Mit Beiträgen u.a. von Klara Butting und Gerard Minaard (Hrsg.), Renke Brahms, Luzia Sutter-Rehmann, Frank Crüsemann, Friedrich Kramer, Benjamin Isaak-Krauß und Ruth Poser.  Uelzen 2024, 200 Seiten, 15 €