Christus im Schutt – Krippe in der Ev.-Luth. Kirche in Bethlehem / Freudiges Wiedersehen mit Rotem L. und Osama I., die als „Combatants for Peace“ bei uns in Hamburg gewesen waren.
von Dietrich Gerstner / März 2025:
Dieser Aufforderung bin ich Anfang des Jahres gefolgt auf einer Reise nach Palästina und Israel. Nachdem ich mich in den vergangenen Jahren viel mit der Situation im Land beschäftigt hatte, wollte ich ganz praktisch solidarisch handeln.
Darum verabredete ich einen dreiwöchigen Aufenthalt beim „Tent of Nations“ (ToN), der ökologischen Familienfarm der christlich-palästinensischen Familie Nassar, die südlich von Bethlehem in den besetzten palästinensischen Gebieten liegt. Für die An- und Abreise plante ich eine weitere Woche ein, um Zeit für Besuche zu haben.
Dieser Bericht ist nicht chronologisch und legt den Schwerpunkt auf meine Mitarbeit beim ToN. Eine ausführlichere Version, auch zur Menschenrechtslage, ist auf unserer Internetseite zu finden.
Ich bin kein „Experte“ für das Land, aber ich habe vieles gesehen und gehört in den Gesprächen mit ca. 50 Menschen aus Palästina und Israel sowie aus anderen Ländern.
Ankommen in Israel
Beim Anflug auf Tel Aviv sehe ich keinen Unterschied zu jeder x-beliebigen europäischen Großstadt. Allerdings springt mir schon auf dem Weg zur Gepäckausgabe der Ausnahmezustand des Landes ins Auge: Zahlreiche Plakate von israelischen Geiseln und von jungen Menschen, die im Militäreinsatz umgekommen sind, säumen den Weg. Diese Bilder sehe ich später im Land wieder. Und dann die allgegenwärtige Bewaffnung der Gesellschaft. Ständig begegne ich Männern und Frauen, die ein Maschinengewehr bei sich tragen, im Zug, im Bus, auf öffentlichen Plätzen. Mit oder ohne Uniform. Für mich aus Deutschland kommend sehr irritierend.
Ein Besuch bei der evangelischen Pfarrerin der deutschen Gemeinde in Jerusalem ist eine wichtige Einstimmung auf meinen weiteren Aufenthalt. Ihre Grundaussage ist, dass das Westjordanland jetzt den Preis bezahlen muss für den Geiselaustausch in Gaza und dies mindestens in den nächsten Wochen. Sie bezeichnete die Situation als Katastrophe und hielt es für sehr schädlich, dass die deutsche Regierung die Unterstützung für israelische Friedensorganisationen wie New Profile (Engagement für das Recht auf Kriegsdienst-verweigerung in der total militarisierten Gesellschaft Israels) oder Zochrot (Erinnerungsarbeit zur Nakba in Israel), gestrichen hat. Sie bestätigte ebenfalls die enorme Zahl an (neuen) Kontrollpunkten im Westjordanland, die ich bald selbst erleben sollte. Mittlerweile gibt es ca. 900 dieser oftmals mobilen bzw. nur zeitweise besetzten „Checkpoints“.
Palästina
Zwischen Jerusalem und Bethlehem befindet sich der große Checkpoint 300, der eine hart kontrollierte Öffnung durch die acht Meter hohe Sperrmauer darstellt, die sich in Kurven am Horizont verliert. Das Problem ist die Ausreise nach Israel. Die Passierregeln waren schon seit der zweiten Intifada Anfang der 2000er Jahre extrem restriktiv. Doch nach dem 7. Oktober wurden so gut wie alle Passierscheine für Palästinenser*innen annulliert.
Bei meinen Fahrten durch das Westjordanland hatte ich Glück, weil ich kaum direkte Hindernisse erlebte, aber ich konnte unterwegs die Zeugnisse der Besatzung und der straflosen Ungerechtigkeit sehen. Immer wieder die Metalltore an den Straßen oder ausgebaute Checkpoints, die jederzeit und unvorhersehbar geschlossen werden können – für wie lange ist jeweils unklar. Das macht jede Fahrt von A nach B zu einer nervenaufreibenden Lotterie. Dazu die schlechten Straßen, für deren Renovierung das Geld fehlt, dann z.B. die mutwillige Zerstörung von Solarpanelen für eine Straßenbeleuchtung der Landstraße durch benachbarte und, noch schlimmer, massive Hauszerstörungen am Ortsrand von Jericho.
Was mir sonst noch auffiel: Es gibt keinen nennenswerten öffentlichen Nahverkehr im Westjordanland im Unterschied zum staatlich subventionierten und günstigen Bus- und Zugnetz in Israel. D.h. die Menschen nutzen das eigene Auto oder (Sammel-)Taxis, was viel teurer ist als ein Busticket. Verkehrsregeln werden nur wenig überwacht, auch weil die unzureichend ausgestattete palästinensische Polizei von vielen nicht mehr ernst genommen wird.
Bei meinen Gesprächen bekam ich immer wieder zu hören: Gemeinsam ist den Menschen hier das Ausgeliefertsein gegenüber der israelischen Willkürherrschaft und der tiefe Frust über das Eingesperrtsein hinter der Mauer. Dazu die Einschränkungen im Alltag: Die Wasserzuteilung erfolgt durch die israelische Verwaltung, obwohl das Wasser aus Quellen in palästinensischen Gebieten stammt. Nicht nur muss es teurer bezahlt werden, dazu fließt es sehr knapp und unregelmäßig. Duschen oder die Waschmaschine anstellen, das geht alles nur selten! Die ständigen Preissteigerungen sind hart und gleichzeitig gibt es in dieser Gegend, die sehr vom Tourismus gelebt hat, seit dem 7.10. krasse Einkommensverluste. Dazu kommt der Frust über die Korruption in der eigenen Gesellschaft, die auch tief in manche Kirchen hineinreicht.
Tent of Nations (ToN)
Das ToN wird heute von den Brüdern Daher und Daoud sowie ihrer Schwester Amal Nassar mit der Hilfe von vielen weiteren Menschen aus ihrer weiteren Familie sowie einem internationalen Netzwerk der Unterstützung betrieben.
Das Anwesen von 400 Dunam (= 42 Hektar) auf 950 m Höhe wurde 1916 unter osmanischer Herrschaft gekauft. Während der britischen Mandatszeit in Palästina ab 1918 wurde das Anwesen auf den Namen von Bishara Daher Nassar bei der britischen Besatzungsverwaltung registriert. Das war zu jener Zeit nicht üblich, da viele Landbesitzer die Steuern auf Landbesitz vermeiden. Diese Landregistrierungen wiederholten sich in der jordanischen und zuletzt in der israelischen Besatzungszeit. Auf dem Land werden bis heute Oliven, Weintrauben, Mandeln, Obstbäume, Weizen und Gemüse angebaut, was aber durch die Besatzung erheblich erschwert wird.
Nach dem Sechstagekrieg von 1967 begann Israel im gesamten Westjordanland mit dem Bau von Siedlungen. 1991 erklärten die israelischen Behörden das Land der Familie Nassar und das umliegende Gebiet zum „Staatsland“. Die Familie war aber im Besitz aller Dokumente, die beweisen, dass die israelische Regierung kein Recht hat, es zum Staatsland zu erklären. Ein wesentliches Problem dieses Rechtsstreits ist, dass Termine immer wieder aufgeschoben werden. So ist auch aktuell eine Anhörung vor dem obersten israelischen Gericht zur Neuregistrierung des Landes seit Monaten anhängig. Diese Verhandlungen finden in Jerusalem statt, wohin die Familienmitglieder selbst nicht reisen dürfen. Die Anwaltskosten, die Gutachten für Landvermessung etc. haben über die Jahre über 300.000 $ verschlungen. Der Rechtsstreit um das klar dokumentierte Grundstück dauert so schon 34 (!) Jahre und lässt die Familie in all den Jahren in einer großen Rechtsunsicherheit. „Aufgeschobene Gerechtigkeit ist verweigerte Gerechtigkeit“ sagte Daoud Nassar dazu.
Heute ist das ToN von fünf illegalen israelisch-jüdischen Siedlungen umgeben, die zum Teil die Größe von Städten haben. Wegen all dieser Entwicklungen verwandelte Familie Nassar ihren Landwirtschaftsbetrieb 2002 in eine internatio-nale Begegnungsstätte, die seitdem den Namen Tent of Nations trägt. Das Motto: „Wir weigern uns zu hassen.“ Die Aufforderung an uns ist: „Kommt und seht, und dann geht nach Hause und berichtet darüber!“ (https://tentofnations.com)
Vom 27.1. bis 15.2. war ich als Freiwilliger beim ToN. Unsere Aufgabe war es, einerseits landwirtschaftlich mitzuarbeiten. Für mich hieß das, dass ich v.a. den Boden um Oliven-, Mandel- und Feigenbäume lockerte, Asche als Düngung ein-brachte und Stroh um die Stämme verteilte, um die Bäume damit vor Austrocknung zu schützen. Daneben gab es viele andere Tätigkeiten, die mit einfachen Werkzeugen und viel Handarbeit ausgeführt wurden. Im Angesicht der großen Farm mit Rinderzucht und Gemüsebau auf der anderen Talseite in einer der israelischen Siedlungen war es wie ein Leben und Arbeiten unter „3. Welt“-Bedingungen. Andererseits geht es bei solch einem Einsatz v.a. um schützende Präsenz, um sichtbares Arbeiten und Wohnen vor Ort. Vermutlich wäre der Berg nicht mehr im Besitz der Familie Nassar, wenn es nicht seit Jahrzehnten schon solch eine engagierte Unterstüt-zung durch Besuche und permanente Freiwillige gäbe.
Untergebracht war ich ein einer Wohnhöhle, das Kompostklo war ca. 200 m entfernt, Duschen gab es nur kalt. Insgesamt waren wir die meiste Zeit sieben Freiwillige aus den Niederlanden, USA, Australien und eben ich.
Mitten in meinen Aufenthalt, der phasenweise sehr ruhig und fast idyllisch war, platzte eine neue Eskalation von Seiten der Siedler*innen! Innerhalb kürzester Zeit wurden acht Container direkt an der Grundstücksgrenze abgeladen und ein Baulager aufgebaut. Die Sorge ist, dass dies der Baubeginn für eine Siedlungserweiterung direkt am Kern des ToN ist. Daraus könnten durch das „Sicherheitsbedürfnis“ der israelischen Siedler*innen bedrohliche Probleme für die Weiterexistenz des ToN entstehen, denn normalerweise dulden Siedler*innen keine arabische Nachbarschaft neben sich. Schon am zweiten Tag wurde mit einem Bagger ein Graben für eine Stromleitung aufgegraben und nochmals ein paar Tage später standen Lichtmasten entlang der verbreiterten Siedlungsstraße zur Baustelle. Das ist der absolute Hohn, da es beim ToN keine Stromleitung gibt, auch ein Wasseranschluss ist verboten.
Und dennoch ging das Leben beim ToN trotzig weiter: Daher Nassar pflügte demonstrativ sein Feld direkt am Zaun, wir Freiwilligen setzten die Pflegearbeiten an den Bäumen und auf dem Land fort und Amal kochte Essen für uns alle. Damit wird gesagt: „Wir sind hier, das ist unser Land, wir geben nicht auf und lassen uns nicht entmutigen.“
Daoud Nassar beschrieb die Lage so: Wir könnten mit Wut und Gewalt reagieren oder wir könnten resignieren und uns nach innen zurückziehen oder wir könnten aufgeben und weggehen.
Wir haben uns aber für eine grundsätzlich andere Vision entschieden:
Wir weigern uns, Opfer zu sein, sondern wir kämpfen für Gerechtigkeit. Wir weigern uns zu hassen, denn Hass zerstört uns selbst von innen. Wir handeln auf unerwartete und gewaltfreie Weise und in der Hoffnung (aber ohne die Erwartung!), dass wir Erfolg haben. Wir erwarten keine internationale Rettung z.B. durch die westlichen Staaten, aber die ganz praktische internationale Hilfe ist für die jetzige Zeit hilfreich.
Daher Nassar meinte dazu, dass die Israelis mit einer Perspektive von 100 Jahren voranschreiten würden, für sie Palästinenser*innen ginge es jeden Tag einfach ums Überleben, wie verdiene ich z.B. etwas fürs tägliche Brot, komme ich abends wieder (gesund) nach Hause?!
Vor diesem Hintergrund ist es erstaunlich, wie ruhig und gelassen ich die Menschen in Palästina erlebt habe, wie friedlich sie mit den Schwierigkeiten und Demütigungen umgehen. Und auch das trotzige Betonen, trotz mancher Resignation, von „wir bleiben hier“ und „das ist meine Heimat, hier habe ich mein Leben, meine Freunde und Familie“. Das ist es wohl, was „Sumud“ genannt wird, Standhaftigkeit.
Fazit
Rein äußerlich gesehen habe ich eine ruhigere Zeit nach dem Eintritt der Waffenruhe Mitte Januar erwischt, aber ich kann bestätigen, dass die Stimmung im Land extrem schlecht ist und große Sorgen bestehen, was als nächstes in Gaza und dann auch in der Westbank passieren könnte.
Relativ ruhig heißt auch, dass der Siedlungsbau im ganzen Westjordanland und somit auch direkt in der Nachbarschaft des ToN ungehindert weitergeht und damit die Vertreibung und Enteignung von Palästinenser*innen.
Relativ ruhig heißt so ca. 40 Tote in diesen Wochen in Gaza und in der Westbank.
Und relativ ruhig heißt auch, dass im Westjordanland Schulkinder mit Tränengas drangsaliert wurden, dass Moschee-Besucher*innen durch Knallgranaten provoziert wurden zur Gewalt, während Scharfschützen bereitstanden, dass Straßensperren nach Belieben auf und zugingen, dass selbst am Platz der Geburtskirche in Bethlehem das Militär martialisch auftritt und dass die Menschen durch dies und vieles mehr wenig Hoffnung haben.
Zum Abschluss ein paar Gedanken, trotz aller Ratlosigkeit:
Für die Zukunft muss es heißen: „From the river to the sea all shall be equal, safe and free.“
D.h. es braucht ein Ende der Besatzungssituation und der Drangsalierung der Palästinenser*innen im Alltag Palästinenser*innen brauchen eine wirtschaftliche Perspektive und Entwicklungsmöglichkeiten.
Sie brauchen also auch rechtliche Gleichstellung und eine echte Bewegungsfreiheit.
Wenn diese Voraussetzungen erfüllt wären, dann würde m.E. die Frage der Ein-Zwei-Drei-Staatenlösung zweitrangig werden.
Aber ich bezweifle angesichts der israelischen Politik sowie der Unterstützung von Trump für die Vertreibung der Palästinenser*innen und der gesellschaftlichen Stimmung im Lande, dass solch ein Szenario bald Wirklichkeit werden wird.
Es braucht Druck von außen und damit liegt es auch an uns und unserem Einfluss auf die deutsche Politik! ■

