Dies ist die Zeit zum Handeln


von Hadas Emma Kader / 12. Oktober 2024:

Am 12. Oktober nahm Dietrich Gerstner an einer Solidaritätsdemo für die Kriegsopfer in Gaza, Libanon und im Westjordanland teil . Hadas Emma Kader sprach auf dem Gänsemarkt folgenden Beitrag. Hadas war schon für Karfreitag als Sprecherin bei der Kreuzweg-Station „Gaza und Flucht“ am Nikolai-Mahnmal angefragt worden. Wir setzen hiermit unsere Beiträge zum fortgesetzten Kriegsdrama im Nahen Osten fort und fordern ein sofortiges Ende der Grausamkeiten!

Ich bin Hadas Emma Kedar, 1985 in Haifa geboren, Jüdin und Überlebende des Holocaust in dritter Generation. Ich bin hier, um die Wahrheit zu sagen. Auch wenn sich manche dabei „unwohl“ fühlen oder meinen, es sei „antisemitisch“.

Heute ist Jom Kippur – der Tag der Versöhnung und Entschuldigung – der heiligste Tag im Judentum. Heute hat Israel noch mehr Schmerz und Ungerechtigkeit verursacht, und zu viele Menschen haben ihr Leben verloren. Ein ganzes Jahr lang hat die Welt nun dem am besten dokumentierten organisierten Massenmord in der Geschichte der Menschheit zugeschaut.

Unterstützt von den USA und Deutschland hat Israel Zehntausende von Menschen getötet – Männer, Frauen, Kinder und Babys; es hat Hunderttausende verwundet, Kinder amputiert; es hat Millionen von Menschen vertrieben, hunderttausende Häuser zerstört; es hat Hunderttausende ausgehungert – und damit Hungersnot und Epidemien ausgelöst; es hat auch Tausende von Menschen gefoltert. Und das alles völlig ungestraft und ohne Konsequenzen.

Liebe jüdische Freund*innen und Familie, zunächst einmal: Wo seid Ihr? Ihr könnt Einspruch erheben oder euch unwohl dabei fühlen, wenn ich all dies als „Kriegsverbrechen“, „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“, „Verletzung des Völkerrechts“ oder „Völkermord“ bezeichne – obwohl dies alles wahr ist. Aber viel unangenehmer sollte Euch dieser irrsinnige Rachefeldzug sein, der in unserem Namen geführt wird!

Und nein, liebe israelische und jüdische Freund*innen, es geht nicht nur um Netanjahu. Und nein, es hat nicht am 7. Oktober begonnen. Die jüdische Vorherrschaft war von Anfang an da. Vor 76 Jahren wurde der jüdische Schmerz genutzt, um Palästina ethnisch zu säubern, es zu kolonisieren und dabei die Einheimischen zu massakrieren. Israel setzt nun sein extremistisches Projekt des Zionismus fort.

Schon Herzl (der Begründer des modernen politischen Zionismus) sah in Israel die „Zivilisation gegen Barbarei“ (Der Judenstaat, 1896). Später sagte Ben-Gurion: „Wir müssen die Araber vertreiben“, und zwar mit Gewalt (Brief an seinen Sohn, 1937). Weizmann bezeichnete die palästinensischen Araber*innen als „Neger“, Menschen „ohne Wert“ (Zeugenaussage vor der Peel-Kommission, 1937). Selbst der „linke“ Rabin sagte über die Palästinenser*innen: „Brecht ihnen die Knochen“ (Erklärung während der 1. Intifada, 1988), und die „linke“ Golda Meir sagte: „So etwas wie ein palästinensisches Volk gibt es nicht“ (Sunday Times, 1969). Dies ist inakzeptabel. Es ist Zeit für einen Wandel. Dies ist die Zeit zum Handeln.

Wenn Israel so sehr daran interessiert wäre, „sich nur zu verteidigen“, dann würde es sich an das Gesetz halten, diplomatische Bemühungen unternehmen und auf die Verhandlungsangebote der Palästinenser eingehen. Sogar die Hamas hat ständig solche Angebote gemacht. Doch Israel scheint den Krieg, die Vernichtung zu wollen.

Der Davidstern leuchtet nicht mehr. Die ineinander verschränkten Dreiecke sind auseinandergebrochen, weil sie an dem Paradox festhielten: Nein, man kann nicht ein Land für alle Menschen sein und gleichzeitig nur für Jüd*innen. Nein, man kann keine Demokratie sein und gleichzeitig ein Apartheidstaat. Der Davidstern war einst golden, dann wurde er gelb (im Holocaust), dann blau (die israelische Flagge). Jetzt ist er schwarz. Er ist verrottet.

Ich schäme mich heute für die Taten meiner Vorväter und -mütter, und ich schäme mich noch mehr für den gegenwärtigen Völkermord. Aber es ist keine Zeit für Reue. Alles wird nur noch schlimmer und erreicht neue Höhepunkte. Die israelische Gesellschaft hat völlig den Verstand verloren! Der 7. Oktober hat zum Höhepunkt unserer Brutalität geführt. Und es war nicht die Schuld der Hamas, es war nicht die Schuld der Palästinenser*innen, es war nicht der Antisemitismus, das waren wir! Wir haben diese schreckliche Situation geschaffen, und wir müssen sie in Ordnung bringen!

Es ist Zeit für einen Wandel. Dies ist die Zeit zum Handeln. Zahlreiche jüdische Menschen und Organisationen haben sich vor kurzem zu einer vereinten europäischen Plattform zusammengeschlossen, um sich „dem Zionismus und allen Formen des Rassismus und Kolonialismus entgegenzustellen“ (Global Jews for Palestine 25.09.2024). Dies ist ein entscheidender Schritt nach vorn.

Wir müssen sagen: Judentum ist nicht das gleiche wie Zionismus!

Abschließend, liebe Menschen in Gaza, im Westjordanland und im Libanon, als ehemalige Zionistin, als ehemalige naive Soldatin in der Völkermordarmee, als jüdische Nachfahrin von Holocaust-Überlebenden, als Frau, als Mutter sage ich: Ich bin verpflichtet, Euch in Eurem gerechten Kampf zu unterstützen. Ich glaube, dass dies Eurem Volk und meinem Volk wahre Gerechtigkeit und Frieden bringen wird. Ihr habt dieses Grauen nicht verdient. Ihr verdient Freiheit, Würde, Frieden und Selbstbestimmung. Ihr verdient Liebe, Ihr verdient das Leben!

Dies ist die Zeit zum Handeln.

Long live Palestine – Es lebe Palästina – תחי פלסטין – تحيا فلسطين ! ■

Übersetzt mit DeepL aus dem Englischen (redigiert von Dietrich Gerstner).