Festung Europa – der Krieg an den Grenzen


von Elias Bierdel / November 2007:

Der Journalist Elias Bierdel bereitete diesen Text für einen Gedenkgottesdienst für die Toten an den EU-Außengrenzen in Berlin am 31.5.2007 vor. Am 16.11. veranstalteten wir einen Offenen Abend mit ihm.

Das erste, was afrikanische Flüchtlinge von Europa sehen, sind Zäune, Mauern, Soldaten, Polizisten, Todesstreifen, Stacheldraht, Gewehrläufe, Gummiknüppel – so sichert die Europäische Union auf afrikanischem Boden vor Ceuta und Melilla ihre Südgrenze. Wer diese Absperrungen zu überwinden versucht, der ist seines Lebens nicht sicher. 16 Menschen starben dort im Oktober 2005 in einer einzigen Nacht im Kugelhagel – das jüngste Opfer war ein sechs Monate alter Säugling.

Viele versuchen, auf dem Seeweg von Afrika nach Europa überzusetzen. Gegen sie ist eine ganze Armada im Einsatz: Schiffe, Helikopter, Flugzeuge, hochempfindliche Radars, Wärmebildkameras und Satelliten kommen in diesem militärisch organisierten Abwehrkampf zum Einsatz, dem immer mehr Menschen zum Opfer fallen. Allein vor den kanarischen Inseln waren es im letzten Jahr nach Schätzung der spanischen Behörden 6000 Tote – wer die gefährliche Überfahrt auf die Kanaren, nach Lampedusa, Malta, Sizilien oder die griechischen Inseln überlebt, der darf kaum auf Milde hoffen: Tausende wurden  in den vergangenen Jahren ohne Prüfung ihrer Fluchtgründe fortgeschafft, abgeschoben – oft nicht einmal in die Heimat, sondern ins nächst beste afrikanische Land, dessen Behörden für ein paar Dollar oder Euro die erforderlichen Papiere ausstellten. Ihre Spur verliert sich in der Wüste.

Die Festung Europa hat sich eingeigelt: An unseren Grenzen gibt es kein Recht mehr. Kein Flüchtlingsrecht, kein Völkerrecht, kein Seerecht, und für viele nicht einmal mehr das Recht auf Leben. Namenlos und ungezählt sterben die Unglücklichen, verdursten, ertrinken, verschwinden zwischen den Wellen. In manchen Regionen des Mittelmeers wurde die Fischerei eingestellt, da sich immer wieder menschliche Leichenteile in den Netzen finden. Doch Hilfe für die Verzweifelten ist unerwünscht – in diesen Stunden (31. Mai 2007, d.Red.) liegt ein spanisches Schiff vor Malta, an Bord 26 Menschen, die von einem sinkenden Boot gerettet werden konnten. Doch die Behörden erlauben dem Kapitän nicht, die erschöpften Schiffbrüchigen an Land zu bringen. Ohne es auszusprechen ist die Botschaft doch klar: Er hätte die Afrikaner besser ertrinken lassen sollen – dann wäre ihm viel Ärger erspart geblieben. Denn wer im Mittelmeer Menschen rettet, der muss damit rechnen, von den Behörden schikaniert oder gar vor Gericht gestellt zu werden – niemals aber gab es bis heute ein Verfahren gegen solche, die an einem sinkenden Boot und seinen verzweifelt winkenden Insassen achtlos vorüber fuhren.

Elias Bierdel, borderline-europe – Menschenrechte ohne Grenzen e.V.Aktuelle Informationen über die Situation von Flüchtlingen an den EUAußengrenzen: www.borderlineeurope.de oder bei der bundesweiten Arbeitsgemeinschaft für Flüchtlinge Pro Asyl e.V., www.proasyl.de