Mahnwache


von Melanie Höller / Dezember 2006:

Die Türe aufstoßen
im Café Exil sein
wahrnehmen, welche Menschen da sind
wer heute mit wachen wird
aus unserem festen Kreis
und welche Menschen einmalig mit uns stehen werden
begrüßen
der Blick auf die Uhr – 10 Uhr
Transparente, Anmeldezettel und Café Exil-Flyer an sich nehmen
der Gang über zwei Straßen, warten auf das grüne Männchen einen Standort suchen
der wöchentliche Gruß mit einem Polizeibeamten zur Erfüllung der Formalitäten
Nun 60 Minuten im Schatten der Ausländerbehörde
Wachen – Wachsam sein
Stehen – Schauen – Dasein -Wahrnehmen
Menschen wahrnehmen
Menschen in die Behörde gehend
Menschen aus der Behörde kommend
Menschen an der Ampel wartend
Menschen hinter Autoscheiben vorbeifahrend
Menschen auf ihren alltäglichen Gängen vorbeikommend
Menschen, die uns anblicken
Menschen, die an uns vorbeischauen
Menschen, die wir nicht anschauen
Menschen, die unsere Transparentaufschrift lesen
ohne Kommentar weitergehen
Blicke, Gesten und Worte der Dankbarkeit senden
auf uns zukommen
und fragen – erzählen – danken – auch beschimpfen
Erinnerungen
die Frau, die uns mit Küssen und Keksen beschenkte
der Mann, der früher Skinhead war und nun mit seiner Frau aus Ecuador an der Hand vor uns steht
der ghanaische Mann mit dem Kind im Maxi-Cosi, sich beschämt fühlend
der Junge mit Luftballons vor uns hertanzend
Kinder, die singend eines unserer Transparente davontragen
der Mann, der E. anspricht, ob er noch richtig im Kopf sei
der Mann, der fragt, ob wir zu viel freie Zeit hätten
die Frau, die sagt, wie unfassbar es sei, dass wir als Deutsche hier stehen
die Frau, die jede Woche vorbeiläuft, nie Kontakt aufnimmt und doch schon stiller Bestandteil des wöchentlichen Daseins ist
der junge Brasilianer, der in Drogengeschäfte verwickelt wurde und sich von der Polizei benutzt fühlt
die Rechtsanwältin, die sich über das Vorgehen in der Ausländerbehörde erbost
die vielen, die fragen, ob dies überhaupt etwas bringe
der Mann, der fragt, welcher Tag heute sei, damit er wisse, wann er sich seinen Bart abschneiden muss, um die Tradition nach dem Tod seines Bruders zu erfüllen
die Jugendliche, die sich sorgt, dass sie keinen Ausbildungsplatz erhält, da sie immer nur für eine kurze Zeit geduldet sei
die junge Frau, die wütend ist, da die Ausländerbehörde der baldigen Einreise ihres Mannes Steine in den Weg legt
mein ehemaliger Mitbewohner, der zum dritten Mal versucht, den richterlich zugesprochenen Aufenthaltsstatus schwarz auf weiß zu erhalten
die vorbeilaufenden Menschen, die uns feindselige Blicke und Beschimpfungen entgegenbringen, ohne die Möglichkeit zu einem Dialog zu geben
die Gruppe der Leute, die von ihren Nachbarn sprechen, die einfach verschwanden
der Schuljunge, der sagt, dass er das gut finde
die Frau, die in einem Kreis von Menschen ist, die Kontakt haben zu Menschen einer Asylunterkunft
die Mitarbeiter des Café Exils, die Cafébesucher in die Behörde begleiten
die Familie, die voller Freude aus der Ausländerbehörde kommt – welch seltenes Bild! – und denen es schon als Wunder erscheinen muss, dass sie nach mehrmaligen Abschiebeversuchen nun doch Papiere erhalten haben
der Mitarbeiter der Behörde, der uns mahnt, den Weg nicht mit unseren Transparenten zu versperren
das Mädchen, die an ihrem Geburtstag in die Behörde muss
und all diejenigen, deren Geschichten nicht gehört
deren Gefühle nicht wahrgenommen
und deren Gedanken nicht erfahren wurden
Der Blick auf die Uhr,
wenn der Zeiger die volle elfte Stunde erreicht
die Transparente einrollen
zusammenkommen im Kreis

„You can’t kill the spirit
she is like a mountain
old and strong
she goes on and on and on”
Das Warten auf das grüne Männchen
zwei Straßen überquerend
im Café Exil wieder ankommend
die Heimreise antreten.

Melanie Höller lebte von Anfang 2005 bis Sommer 2006 bei Brot & Rosen und war fast jede Woche bei der Mahnwache.