Ich habe einen Traum


von Edzard Müller / Juni 2006:

Seit über einem Jahr stehen wir Donnerstag für Donnerstag vor der Hamburger Ausländerbehörde und klagen die menschenunwürdige Behandlung dort und die Hamburger Abschiebepraxis an.

Noch ist unser Auftreten dort nicht überflüssig geworden, im Gegenteil. Edzard Müller und Hildegard Thevs aus dem Brot & Rosen-Freundeskreis, Michael Dürrwächter, der Gewerkschafter Klaus und Fritz Jahnke sind neben Melanie aus der Gemeinschaft treue UnterstützerInnen dieses stillen und beharrlichen Protests geworden.

Im April am 1. Jahrestag unserer Mahnwache hat Edzard Müller einen offenen Brief an die Ausländerbehörde verlesen. Wir drucken ihn im Wortlaut ab:

Liebe Freundinnen und Freunde!

Ich habe hier in der Hand ein kleines Büchlein, nämlich das Grundgesetz unserer Bundesrepublik Deutschland. Da steht gleich zu Anfang der wunderbare Satz (Art. 1): „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

Wer auch nur ein wenig Einblick hat in das, was hier in der Ausländerbehörde geschieht, der weiß: Die Würde von Menschen wird hier allzu oft und massiv mit Füßen getreten.

Es heißt im Grundgesetz nicht: Die Würde der Deutschen ist unantastbar, sondern: Die Würde des Menschen ist unantastbar, und da ist jeder eingeschlossen.

Und es steht da: Die Würde zu „achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“

Und so rufen wir hier die Verantwortlichen in Regierung, Polizei und Ausländerbehörde auf: Haltet das Grundgesetz ein! Achtet und schützt die Würde der MigrantInnen.

Im Grundgesetz lesen wir ferner (Art. 6): „Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutz der staatlichen Ordnung.“

In der Abschiebepraxis Hamburgs wird auch dieses Grundgesetz massiv verletzt – die Zeitungen berichten des öfteren von derartigen Fällen.

Ich bin sicher einer der Ältesten, die hier stehen. Als ich ein kleiner Junge von sieben Jahren war, ging der Zweite Weltkrieg zu Ende. Millionen Deutsche flüchteten oder wurden vertrieben, und sie erlebten, wie bitter ein MigrantInnenschicksal ist. Deutsche sollen sich daran erinnern, dass vor 60 Jahren Millionen Deutsche selbst Flüchtlinge oder Vertriebene waren. Und manch einer, der sehr forsch für Abschiebung eintritt, sollte daran denken, dass seine eigenen Eltern oder Großeltern MigrantInnen waren.

Eines meiner persönlichen Vorbilder ist Martin Luther King Jr., der berühmte farbige Bürgerrechtskämpfer. Der hat einmal eine Rede gehalten mit dem berühmt gewordenen Satz: „Ich habe einen Traum…“. In diesem Traum hat er seine Hoffnung zum Ausdruck gebracht über ein geglücktes Zusammenleben von weißen und farbigen BürgerInnen.

Auch ich habe einen Traum:

Ich habe den Traum, dass die MigrantInnen in Hamburg nicht als bloßer Kostenfaktor gesehen werden, sondern dass sie wie Menschen behandelt werden und ihre Würde geachtet wird.

Ich habe den Traum, dass man hier in der Ausländerbehörde allen MigrantInnen mit Liebe, Wohlwollen, Menschlichkeit, Güte und Achtung gegenübertritt.

„Abschiebung“ von Mitmenschen ist für mich ein grässlicher Begriff.

Und so habe ich den Traum, dass der Tag kommen wird, in dem es von Hamburg aus keine Abschiebungen mehr gibt.