Ihr habt mich nicht einmal angehört


von Bashige Michel / Dezember 2005:

Im Oktober, als die Eindrücke von den Vorfällen an der marokkanisch-spanischen Grenze noch frisch waren, erreichte uns die Übersetzung eines Briefes von einem afrikanischen Einwanderer an die spanische Gesellschaft:

Damen und Herren der spanischen Gesellschaft!

Worte könnten nicht vermitteln, was ich in diesem Moment empfinde, in dem man mich mit Gewalt gezwungen hat, dahin zurückzukehren, von wo ich gekommen bin! Sie haben es mir noch nicht mal möglich gemacht Ihnen zu sagen, was mich bewogen hat, diese lange und mühevolle Reise anzutreten, in der viele meiner Unglückskameraden gestorben sind.

Ich wollte es Ihnen persönlich erzählen als eine Person, die die Spuren von Misshandlung und des Leidens eines unterdrückten und ausgebeuteten Volkes trägt. Aber diese Mauer, die zwischen mir und Ihnen errichtet wurde, macht jede wirklich menschliche Begegnung zwischen uns unmöglich und zwingt uns dazu, von weitem wie Hund und Katze betrachtet zu werden, obwohl wir alle Bürger der gleichen Welt sind.

Erlauben Sie mir, Ihnen in die Augen zu schauen durch diese Trennungsmauer in Form der Zäune, die jetzt Afrika von Europa trennen und die die Falschheit der Beziehungen symbolisieren, die unsere Regierenden zwischen dem Norden und dem Süden geschaffen haben. Diese Mauer der Trennung, dieser Zaun spiegelt die falsche Beziehung wider, in der die Rohstoffe, die vom Süden kommen, und die Fertigprodukte des Nordens, unter anderem Waffen, sich bewegen können – und die Menschen nicht! (…)

Dieser Brief ist die einzige Art, die mir bleibt, damit Sie erfahren, was wir alles in Afrika erdulden. Ich weiß schon, dass die Medien vielleicht meiner Stimme kein Echo geben werden, dass die PolitikerInnen bei ihren Treffen nicht über Menschenrechte reden werden, weil im Grunde mein Leben wie das von allen Armen der Welt für sie nicht zählt. Sie opfern uns ohne Skrupel und ohne Scham!

Tatsächlich, meine Damen und Herren der spanischen Gesellschaft, bin ich Afrikaner. Ich komme aus einem verarmten Land; einem Land, das seit Jahrhunderten ausgeplündert wurde von den westlichen multinationalen Konzernen und das grauenhafte Kriege erlitten hat, die sich oftmals als Bürgerkriege präsentieren. Aber im Grunde sind es Wirtschaftskriege mit dem einzigen Ziel, unsere Länder auszuplündern und sich zu bereichern – genau wie die afrikanischen Führer – unglücklicherweise auf Kosten des Lebens von Millionen meiner Brüder und Schwestern.

Können wir wirklich keine andere Welt schaffen, in der jede Person in Frieden leben kann? Verstehen Sie bitte, dass wir Opfer einer anhaltenden Verarmung sind, die vom Westen organisiert wird und häufig durch unsere eigenen Führer im Dienste der multinationalen exekutiert wird. Es sind diese Kriege, vor denen ich geflohen bin, und vor dem Elend, welches sie in meinem Land erzeugt haben. Ich möchte überleben und meine Familie erhalten, die in Afrika geblieben ist. Deswegen trete ich als Überlebender vor Sie, um diese unmenschliche Situation anzuzeigen und Sie zu bitten, uns zu helfen, eine gerechte und menschliche Welt zu schaffen. (…)

In unseren Ländern hat sich der Tod in eine banale Tatsache verwandelt. Man sieht Tag für Tag Kinder verhungern. Gewöhnliche Krankheiten, die man leicht behandeln könnte mit wenig Geld, sind Ursache für zahlreiche Tote. Das erleben wir Tag für Tag! Wie Sie sich vorstellen können, ist es sehr schmerzhaft, ein Kind in seinen Armen verhungern zu sehen, wie es manchmal passiert; oder meinen Vater sterben zu sehen an einer gewöhnlichen Malaria, welche mit geringen Mitteln in irgendeinem Gesundheitszentrum hätte behandelt werden können. Tatsächlich sehen Sie ähnliche Ereignisse im Fernsehen. Wir schlagen uns dagegen unglücklicherweise jeden Tag mit diesem Gräuel herum. Und unter den Opfern befinden sich unsere eigenen Familienangehörigen. Glauben Sie, dass man ein solches Leben aushalten kann?

Während der Nacht, wenn wir auf eine günstige Gelegenheit warten, um die Trennungsmauer zu passieren, verabschieden wir uns voneinander, weil niemand von uns weiß, welchen Patronentyp die Militärs benutzen werden, die die Zäune bewachen, und ob jemand von uns von einem Schuss getroffen wird und in welches Körperteil. Auch wissen wir nicht, wie wir von der Höhe des 6 Meter hohen Zaunes fallen werden … und ich frage mich, wird das heute mein letzter Tag sein? Und während dieser Zeit denke ich an die Kameraden, die schon bei diesem Versuch gestorben sind, und ich fühle, wie mein Herz sich verkrampft! Ich denke an meine Familie, an meine Freunde die in Afrika geblieben sind, an meine Zukunft! Welche Zukunft? Ich habe keine … ich fühle mich verloren, unnütz, nicht existierend, so als hätte ich keinen Wert in den Augen dieser Welt; so als wären wir schlimmer als Vieh, nur gut für den Völkermord (holocausto) und die Opferung.

Aber das ist ungerecht! Ich muss den Zaun überwinden! Mir wird bewusst, dass ich keine Wahl habe! Währenddessen denke ich an mein Land, denke ich an all die natürlichen Reichtümer, die wir haben. Welche Reichtümer, frage ich mich? Alles was es in unserem Land gibt, gehört nicht uns! Jeden Tag sehen wir hilflos unserer Ausbeutung zu. (…)

Warum lässt man uns immer mehr versinken, anstatt uns zu helfen, aus dem Loch, in welchem wir uns befinden, herauszukommen? In der Tat, das Elend nimmt Tag für Tag zu, anstatt sich zu verringern … unsere Kinder sind so dazu verurteilt, mit den Traumata des Elends und unter der ständigen Drohung des Krieges zu leben. Diejenigen, die es schaffen dem Krieg zu entfliehen, sterben an Hunger! Wir sind zum Elend verurteilt in Ländern, wo Gold, Diamanten, Koltan, Kupfer und Erdöl in Mengen fließen. Und immer für den Wohlstand von anderen! Diese Welt ist schäbig, nicht wahr?

Wundern Sie sich nicht, wenn ich weine, während ich spreche – es ist schrecklich, was wir erleben. Deshalb werde ich mit Bitterkeit versuchen die Mauer zu erklimmen, wenn sich die Gelegenheit bietet. Leben oder Sterben ist mir egal. Niemand kümmert mein Schicksal. Sagen Sie mir, meine Damen und Herren der spanischen Gesellschaft, was haben wir Schlimmes getan, um dieses Los zu verdienen?

Während die Zeit vergeht, spüre ich ein anderes Gefühl in mir hochkommen. Wir sind nicht verdammt! Diese Welt kann geändert werden, sage ich mir! Wir sind auch Töchter und Söhne Gottes, trotz des Elends und der Kriege. Darum habe ich das Glück herausgefordert und bin hier in Ihr Land gekommen um zu sehen, ob ich Arbeit finden kann mit dem Zweck zu überleben und die Waisen, die mir mein Vater hinterlassen hat, am Leben zu erhalten. Glauben Sie nicht, dass es leicht war, meine kranke Mutter zu verlassen, ohne zu wissen, ob ich sie lebend wiedersehen werde, und ohne zu wissen, was mit meinen Geschwistern passieren wird.

Aber was kann ich tun? Ich habe keine Wahl. Ich muss das notwendige Geld verdienen, um die Medikamente für meine kranke Mutter zu kaufen – aus Angst, sie wie meinen Vater sterben zu sehen. Ich muss Geld verdienen für den Schulbesuch meiner kleinen Geschwister, um vielleicht zu sehen, dass sie eines Tages die Gruppe der Opfer verlassen können. Ich will arbeiten, um Medikamente für meinen Bruder kaufen zu können, der Aids hat. Nur um das bitte ich. Wissen Sie, wie schmerzhaft es ist, seine Familien vor den eigenen Augen sterben zu sehen, ohne etwas machen zu können? (…)

Und jetzt befinde ich mich vor dieser Trennungsmauer, die mich daran hindert, Ihnen meinen Schmerz von Angesicht zu Angesicht zu erzählen. Aber mir bleibt die Möglichkeit, dass Sie, wenn Sie mich anschauen, aus meinen Augen lesen, was ich ertrage. (…) Deshalb komme ich, um Sie zu bitten, dass Sie nicht dieses System durch Ihr Schweigen unterstützen, sondern dass das Leiden, das meine Haut ausatmet, Sie verstehen lässt, dass es unmöglich ist, ein Mensch zu sein und vor diesen unmenschlichen Grausamkeiten zu schweigen.

Gott weiß, dass ich weder ein Dieb noch ein Bandit bin; ich bin nur der Schrei eines Opfers, der wie alle Welt leben will… Ich bin sicher, dass Sie, wenn Sie meine Geschichte kennen würden und die meiner Kameraden, mich nicht zwingen würden dahin zurückzukehren, wo ich hergekommen bin, und mich auch nicht in einer Wüste aussetzen würden ohne jegliche Möglichkeit des Überlebens.

Ich wiederhole, dass ich leben will und meinen Geschwistern helfen will zu leben, nur um das bitte ich!

Hinter den Trennungsmauern von Melilla, Bashige Michel, Einwanderer