von Frauke Niejahr / März 2004 (eingeleitet von Dietrich Gerstner):
Jimmy wurde 1969 im damals schon besetzten Ramallah im Westjordanland geboren. Sein Vater war ein arabischer Muslim, seine Mutter eine israelische Jüdin. Aus Not schickte ihn seine Mutter im Alter von 8 Jahren zusammen mit einem älteren Bruder los nach Europa, um dort ein besseres Leben zu finden. Mit 11 Jahren verlor er in Italien auch seinen Bruder aus den Augen. Ab dann war er alleine unterwegs. Als Jugendlicher kam Jimmy irgendwie nach Deutschland, hatte hier die Chance einen Beruf zu erlernen, heiratete und wurde selbst Vater.
Bevor Jimmy im November 2002 zu uns ins Haus kam, hatte er wieder ca. 10 Jahre auf der Straße gelebt. Für ein Jahr teilte Jimmy unser Leben, zeigte seine Qualitäten als Koch, Haushandwerker, Computerfreak, talentierter Kunstmaler, Sprachengenie … Ende November letzten Jahres mussten wir uns von ihm trennen, da die Sucht und sein Leiden am Leben ihn wieder zunehmend im Griff hatten. An Weihnachten starb Jimmy im Alter von 34 Jahren ausgezehrt in einer Klinik bei Hamburg.
Wir geben hier den Nachruf, den Frauke Niejahr nach der Trauerfeier am 21.1. formulierte, wider:
Es wird winterlich früh dunkel in Hamburg. Unruhe treibt mich um. Heute haben wir Jimmy zu Grabe getragen. Nein, das haben wir nicht. Ich hätte ihn gerne „zu Grabe getragen“. In die – wie ich glaube – gute, treue und geduldige Erde Gottes gelegt.
Aber all das ist anonym passiert. Eine anonyme Bestattung. So muss es sein, für viele, die den Ruheort ihrer geliebten Verstorbenen nicht kennen. So bleibt die Ortlosigkeit auch im Tod mit Jimmy verbunden. Viele, viele Jahre hat Jimmy auf der Straße gelebt – ohne Heimat ohne Verweilort.
Schon als Kind in einem ortlosen Dazwischen. Zwischen Israel und Palästina. In Bürgerkriegszeiten. Ortlos gelebt. Auf einem Stück Erde, das ihm als Heimat abgesprochen wurde. Wie lebte es sich da als Kind?
Als andere beginnen, zur Schule zu gehen, hat dieser lockige, gewitzte und aufgeschlossene Junge die Gesetze der Straße inhaliert. Was für eine andere Welt. Wie Erfahrungen von Verlassenheit, Gewalt, Bedrohung, von Drogen und der Flüchtigkeit des Glücks sich in eine Seele einsenken, kann ich wohl kaum ermessen. Wie die Flüchtigkeit in ein Leben hineinwächst, wenn die Mutter den achtjährigen Sohn zu Fuß in den Libanon schickt, nun in einem anderen Land sein Glück zu suchen. Als Jimmy zu uns kam, war die Flüchtigkeit wie geronnen, schon lange Teil seiner Identität: Als Palästinenser war er ein „Staatenloser“. Ein Flüchtling ohne Ort der Rückkehr. Ohne Ruheort.
Von Palästina über den Libanon war der lockige Junge irgendwie nach Italien gelangt. Bei italienischen Mönchen fand das Straßenkind Aufnahme. Schulbesuch, vieles in Latein, wie er mal erzählte. In Deutschland später Fachabitur. Die Ausbildung als Elektroniker. Wie sehr er sich hochgearbeitet hat! Was für geniale Begabungen er an sich zutage gefördert hat. Dieser Mensch, den ich schlau, gewieft, intelligent erlebt habe, mal lebenskundig, mal sich selbst überschätzend, dann wieder tief traurig und depressiv.
Jimmy, denke ich, Elektrobastler und Reparateur, mit zwei rechten Händen, einem Kopf voller alternativer Ideen. Bilder aus unserem gemeinsamen Alltag mit Jimmy gehen mir durch den Sinn. Jimmy bei handwerklichen Arbeiten, Jimmy, wenn er für uns (sehr ölige) Gemüsesuppe kochte, Jimmy beim Diskutieren über Gott und die Welt am Tisch. Dass dieser Mann es geschafft hat, sich immer wieder Inseln in unseren Welten zu erobern! Detailausschnitte aus einem vielschichtigen, so anderen Leben.
In manchen seiner Bilder, denen die an Dali erinnern, den „surrealistischen“, erkenne ich dies Empfinden wieder. Einer, der durch verschiedene Welten wandert, der Schwellen von hier nach da und Grenzen überschreitet, hinter denen andere geborgen bleiben. Der Ödnisse, Kahlheiten und Leblosigkeiten beschritten hat, deren Anblick allein schon andere ängstigt oder befremdet wie Mondlandschaften. Gegenden, in denen man nicht wirklich überleben kann.
Wie schizophren, sitze ich da. Ein Auge weint und wütet über die Gewalt, die er erfahren hat und weiter auch an sich selbst ausübte, ein Auge lacht. Schizophren, wie mir manches im Leben von Jimmy auch vorgekommen ist. Jimmy, mal so sensibel für das, was um ihn passierte, einfühlsam und vorsichtig, oder visionär und voller Ideen, dann wieder zugeknallt (mit Drogen), abgestumpft, der Wirklichkeit entrückt.
Bodenlos auf dem Abgrund tanzend, inmitten und umfangen von den Fratzen von Gewalt und Unrecht, von Zorn, Hass und entfesselten Kräften.
Jimmy war kein Christ. Es ist mein Fühlen und Abschiednehmen, es ist in meinem Kopf, dass sich Geschichten und Bilder einstellen. Es ist mein Glaube, der – nicht ihn vereinnahmen will – aber ihm Erfahrungen wünscht von Segen und Frieden an den Rändern und beim Verlassen des Lebens.
Jakob fällt mir ein, der in den schlimmsten Stunden der Nacht, wenn der Morgenstern noch nicht gekommen ist, Jakob, der in den schlimmsten Stunden der Nacht am Jabbok kämpft. Mit Gott. „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn.“ Gott versetzte ihm einen ordentlichen Schlag. Auf die Hüfte.
Bei Jimmy war es das Knie. An schlechten Tagen humpelte Jimmy vor Schmerzen. Er hatte ein lädiertes Knie. Weiß Gott woher. Ein so Geschlagener geht nie mehr ganz aufrecht.
Nicht gerade liebevoll, dieser Gott. Kämpferisch zum Kämpfer. Aber: Gott segnet Jakob. Und Jakob, der Flüchtige, der Heimatlose, der nicht mehr zurück kann in sein Land, hat sich den Segen erkämpft, errungen. Jimmy hat am Ende noch die Kraft aufgebracht, nicht auf der Straße zu sterben, sondern an einen behüteten Ort, in seine Klinik zu gehen. Dort ist er nach allem eingeschlafen.
In meinem Träumen und Hoffen ist Jimmy dabei – bei denen, die am Rand der Hölle getanzt haben und unter dem Segen ins fremde Land schritten. Unter denen, die fern der Heimat die Bitterkeit der Tränen an den Flüssen Babylons geschmeckt haben, die dann aber glücklich, wie die Träumenden sein werden.
Jimmy ist in meinem Träumen und Hoffen dabei: Unter denen, die das Land erben. Wo Gerechtigkeit und Frieden sich küssen. Unter denen, die es bestellen werden. Morgen. Vielleicht schon heute dort.

