Gisela Wiese – ein Leben für den Frieden


Vortrag von Gisela Wiese / März 2002:

Gisela Wiese, die Ehrenpräsidentin von Pax Christi Deutschland und eine lebenslange Kämpferin für den Frieden, war Gast in unserer Veranstaltungsreihe zum Thema „Frieden gestalten“. Gisela Wiese wirkte ihr Leben lang aus ihrem Glauben heraus für den Frieden. Nachfolgend die (gekürzte) Abschrift dieses Abends. Danke dir, Gisela, für dein Teilen und Mitteilen deiner Geschichte!

Warum ich zu Euch komme, hat ganz viel damit zu tun, dass ich denke, dass wir, die wir Glauben suchen, eine ganz besondere Geschichte haben. Und wenn wir zurückschauen, ist es die Geschichte unserer Familie, die sich vielleicht mit uns, vielleicht auch gegen uns entschied. Es ist die Geschichte einer Gesellschaft, die eigentlich immer glaubensärmer wird. Und es ist schließlich die Geschichte mit Gott.

Kindheit in den Dreißigern

Ich wurde 1924 geboren, und weil meine Mutter eine sehr reiselustige Frau war und Vater sehr früh starb, wuchs ich bei meinen Großeltern auf. Ich denke, dass mein Interesse am Frieden viel mit meiner Kindheit zu tun hat. Denn ich erlebte täglich einen Menschen, der vom Kriegsgeschehen 1914-18 so schwer getroffen war, dass er querschnittgelähmt im Bett lag und gefüttert werden musste: meinen jungen Onkel. Es gab nicht die üblichen Ablenkungsmanöver, die wir heute mit Fernsehen und anderen Dingen haben. Er war darauf angewiesen, dass Menschen zu ihm kamen, die das Leben von draußen rein brachten und die das anhörten, was er gedacht hat und was er empfunden hat. So hörte ich also sehr früh die Worte Krieg und Frieden. Viele Gespräche wurden geführt und mir war klar, dass Krieg nicht sein darf, weil Kriegsgeschehen menschliches Leben mindert, menschliches Leben nehmen kann. Ich hörte auch sehr früh davon, dass man sich Sorgen machte, wie es weitergehen sollte in Deutschland. Dass aus diesem Krieg so wenig gelernt worden war, dass so wenig Abscheu entstanden war. Und dass man immer irgendwelche Gründe für irgendeinen Krieg haben könnte.

Zu unserer Hausgemeinschaft gehörte der Arzt Dr. Arnheim, der meinen Onkel täglich besuchte, nicht nur um ihm eine Spritze zu geben und ihn zu versorgen, sondern auch, um ihm etwas zu erzählen, was er in seiner Praxis erlebt hatte. Für mich gehörte er selbstverständlich zu meinem Leben. Ich brachte selbst meine Puppe, wenn sie mal kaputt war, zu ihm und sagte: „Bitte, mach sie heil!“. Und am nächsten Tag war ich dann ganz entsetzt: „Was hat der denn gemacht, die ist ja gewachsen“, denn dann war eine neue Puppe da.

Also, in dieser Gemeinschaft der Großeltern, der vielen Freundinnen und Freunde, die ins Haus kamen, wuchs ich auf. Ich empfand es als überhaupt keinen Verlust, dass ich keine Eltern hatte, weil die Großeltern ein Leben führten, das mich nicht allein sein ließ. Diese Freundinnen und Freunde brachten ja auch immer Kinder mit, es war immer etwas los. Meine Großeltern waren damals schon Reformpädagogen: Es gab keine Strafen, alles, was dieses Kind machte, war ganz wunderbar. Wenn es manchmal daneben ging, wurde es im Abendgebet erörtert und bereinigt, so dass ich immer gut einschlafen konnte.

Die Verführer zum Bösen

Dieses heitere und sehr unbeschwerte Leben veränderte sich mit dem Jahr 1933 entscheidend. Ich war damals 9 Jahre alt und mein fröhlicher Großvater nahm mich mit auf das Flughafengelände des Tempelhofer Feldes. Dort war zum ersten Mal SA in großen Scharen aufmarschiert. Es war eigentlich eine anonyme braune Masse, die Mützen waren aufgesetzt, die Gesichter waren kaum zu erkennen. Und mein Großvater sagte etwas zu mir, das mich das ganze Leben begleitet hat: „Schau sie dir gut an. Es sind die Verführer zum Bösen, und es sind Verführte, die sich verführen lassen. Und wir, die wir an Jesus glauben, wir, die wir wissen, dass Gott unser Vater ist, können nie auf das hören, was die Verführer sagen; denn es trennt uns von den anderen Menschen. Es wird ganz viel Leid dadurch geben, dass wir uns nicht alle als Schwestern und Brüder begreifen.“ Plötzlich machte mir die braune Masse keine Angst mehr, sondern ich wusste ja, ich stehe mit meinen Großeltern auf der richtigen Seite. Wir würden Menschen beschützen, mit kindlichem Elan rangehen und nicht zulassen, dass einem Menschen Unrecht geschieht.

Und dann kam der 9. November 1938 und die erste Erfahrung mit der Gewalt des Nationalsozialismus. Es kamen Leute zu uns ins Haus und sagten: „Kommt schnell zum Dr. Arnheim, da sind gerade SA-Burschen, die wollen ihn verhaften!“ Mein Großvater war ein großer stattlicher Mann und wir rannten hin. Es waren ganz junge Männer, die den doch älteren Dr. Arnheim die Treppe hinunter zum Vorgarten zogen und Frau Arnheim schlugen. Mein Großvater brüllte sie an und sagte: „Was fällt Euch denn ein, ihr jungen Burschen. Dieser Mann ist für unseren Bezirk ein Segen gewesen. Lasst ihn sofort los.“ Und dieses Engagement half, dass der Dr. Arnheim frei kam, und meine Großeltern nahmen ihn dann mit nach Hause. In derselben Nacht wurden er, seine Frau und mein Großvater verhaftet, und wir haben trotz Nachsuchens nach 1945 nie wieder von den Arnheims gehört. Für mich war es sehr schwer, dass der Großvater nicht da war. Aber ich hatte den kindlichen Glauben: Was auch geschieht, der liebe Gott lässt es zu und es kann sich nur zum Besten wenden.

Als mein Großvater kurz darauf entlassen wurde, war er völlig verändert. Die ganze Fröhlichkeit war gewichen. Aber das Haus blieb unter dem Motto: Was Gott tut, das ist wohlgetan. Mein Onkel starb. Mein Großvater hatte sich mit einer christlichen und sozialdemokratischen Gruppe zum Widerstand entschlossen, nicht zu einem bewaffneten Widerstand, sondern Flugblätter zu verteilen, um die Bevölkerung zu warnen, was auf sie zukommen könnte. Und wieder kam das Wort Krieg ganz viel vor, es könnte ja Krieg geben. Mein Großvater wurde noch mal verhaftet und ich habe ihn nie wieder gesehen. Meine Großmutter ist kurz darauf gestorben.

Wo gegen das Reich Gottes verstoßen wird, da müssen wir den Mund auftun

Ich selbst war durch meine Großeltern in eine Widerstandsgruppe gekommen, die von einem jungen Jesuitenpater geleitet wurde. Der sagte uns immer ganz klar, dass dieser Widerstand etwas ist, das Gott von uns erwartet. Wir können nicht zusehen, wie ein ganzes Volk in Gewalt gerät, unmenschlich wird, gegeneinander aufgehetzt wird. Wir müssen aufklären. Dieser Pater Dubis hatte immer gedacht, dass die Nazis ihn noch kurz vor der Befreiung erschießen würden. Doch sie taten es nicht. Ein Nachbar jedoch, der ein großer Nazi war, hasste den Pater Dubis sehr. Er sprach Russisch und erzählte den russischen Besatzern, dass dieser Pater Dubis mit den Nazis paktiert hätte. Daraufhin wurde der Pater erschossen und verscharrt.

Es gibt eine Geschichte in meinem Leben, die mich sehr beschäftigt hat: meine Konfirmation 1938. Als wir zum Altar treten mussten und das Abendmahl empfangen sollten, da sagte der Pfarrer laut: „Dies ist deutscher Wein aus deutscher Erde, den Deutschen gereicht zur Stärkung.“ Meine Großmutter stürzte von hinten nach vorne, nahm mich beim Arm und sagte: „Kind, wir sind hier auf der falschen Veranstaltung.“

Wissen Sie, wenn man älter wird, schwinden die Gesichter. Denn sie sind ja alle schon so lange tot. Aber solche Worte und solches Verhalten vergisst man nicht, ganz gleich, was man erlebt. Ich glaube, das hat viel damit zu tun, dass ich mich auch einmischen kann, dass ich denke, dazu sind wir ja da: Wo gegen das Reich Gottes und unsere Geschwisterlichkeit verstoßen wird, da müssen wir den Mund auftun. Da müssen wir etwas sagen und danach handeln.

Das Ende des Kinderglaubens

Ich war Kindergärtnerin geworden, weil ich Kinder sehr liebte. Dann kam der Bruch meines Glaubens. Ich musste erleben, wie Kinder, die in meinen Kindergarten kamen, nachts mit ihrer Mutter von Bomben getroffen wurden und in einem Keller lagen. Wir konnten nicht helfen und ich hörte die Schreie dieser Kinder. Da war es mit dem Kinderglauben vorbei. Ich konnte nicht glauben, dass alles, was Gott tut, wohlgetan ist. Da kam das Zweifeln: Welcher Gott der Kinder, die ich so liebte und die so liebenswert und auch so fromm waren, ließ zu, dass diese Kinder einen so furchtbaren Tod sterben mussten? Dieser Zweifel ist nie etwas Endgültiges gewesen. Aber er hat meinen Glauben lange, lange Zeit begleitet. Auf der einen Seite klagte ich an wie in den Psalmen, die mir damals sehr geholfen haben, und auf der anderen Seite sehnte ich mich sehr danach, wieder das alte Vertrauen haben zu können. Aber das dauerte lange.

Ich erlebte, dass vor unserem Haus, in dem Flakgeschütze aufgebaut waren, zehn Hitler-Jungen, 14 oder15 Jahre alt, an den Flakgeschützen saßen. Und als die SS-Männer, die sie bewachten, sich absetzen wollten, um mit Flugzeugen noch aus Berlin raus zu kommen, schoss der eine SS-Mann diese zehn Jungen tot, und ich musste das mit ansehen. Vielleicht werdet ihr jetzt erschrecken, aber in diesem Moment war trotz meiner gewaltfreien, religiösen Erziehung ein Wunsch in mir: Hättest du doch eine Pistole, könntest du doch diese Leben retten. Ich hätte vielleicht gar nicht schießen können, aber dieser Wunsch war plötzlich da angesichts des Todes dieser Kinder.

Die Schuld der Kirche

Die Nachkriegszeit kam, und es war mir zu schwer, in Berlin zu bleiben. Jede Straßenecke erinnerte mich an etwas Schreckliches. Und dann erlebte ich, wie plötzlich die Nationalsozialisten, die so gehaust hatten in der Stadt und die andere so verfolgt hatten, plötzlich wieder in der SPD waren oder in irgendeiner anderen Gruppierung und die Jugend wieder verführten. Sicher nicht mehr offiziell, doch mit manchen Begriffen der Nazis.

Ich erlebte die Zeit in der evangelischen Kirche nach 1945 als sehr schmerzreich. Eigentlich tat man, als hätte es diese Vergangenheit nicht gegeben. Es war ganz schnell da: Wir sind wieder wer. Jetzt redet die CDU mit, wir können hier mitgestalten, und das Christliche steht wieder im Vordergrund. Das war die große Verführung sicher mancher Menschen. Nachdem ich konvertiert war, weil ich so viele gute Katholiken kannte und in meinem jugendlichen Leichtsinn dachte, so ist eben die ganze katholische Kirche, erlebte ich dasselbe Christkönigsfest am 31. Oktober wie in den Jahren zuvor: Die Fahnen der jeweiligen katholischen Verbände zogen ein und man sang das Christkönigslied „Christus unser König“. Und ich dachte: Wie kann das möglich sein? Auch die haben ja nichts gelernt, kein Wort für die Opfer, kein Gebet für die Opfer. Ich glaube, dass sich beide Kirchen in einer ganz anderen Weise weiterentwickelt hätten, wenn sie damals eine Umkehr gelebt und diese auch den Menschen angeboten hätten. Denn die Leere, die mir in vielen Predigten und Kirchen heute begegnet, hat ja auch damit zu tun, dass dieses Unglaubliche, was damals geschehen war, nach vielen, vielen Jahren erst besprochen wurde.

Das empfinde ich auch als die Schuld der Kirche, man hätte sehr ernsthaft die Schuld vorhalten müssen! Nicht, um den anderen in Verzweiflung zu stürzen, aber um ihm Verantwortung zu zeigen, ihm zu sagen: Du hast dein Leben vertan mit der Vernichtung der Menschen. Besinne dich auf den, der alleine vergeben kann. Dieses Thema habe ich in keiner Kirche gehört.

Ich ging dann nach Hamburg, liebte die Stadt vom ersten Augenblick an und dachte, hier kannst du neu anfangen. Und so wurde es ja dann auch. Ich arbeitete wieder im Kindergarten. Ich war insgesamt 50 Jahre bei Kindern, und ich habe es jeden Tag sehr gern getan. Ich habe mich immer darauf gefreut, und es ist auch seit meiner Pensionierung kein Ersatz zu finden für die Fröhlichkeit und Heiterkeit, die man mit Kindern erlebt.

Ich hörte 1967, dass die ersten Nazi-Prozesse nach Hamburg kommen sollten. D.h. es waren Leute angeklagt, die als KZ-Wächter und Ghetto-Bewacher vor Gericht standen. Und die deutsche Gerichtsbarkeit hatte Zeugen und Zeuginnen eingeladen aus Israel, aus den USA, aus Polen. Ich dachte, eigentlich ist Krieg und Frieden völlig vergessen, und jetzt kommen Zeugen, Menschen, die diesen Krieg so erlitten haben und die jetzt ein Deutschland in Frieden erleben. Aber wie werden sie es erleben? Wenn so ein Mensch, der soviel Unrecht erlitten hat, nach vielen Jahren zum ersten Mal Deutsch hört, wie mag dem zumute sein? Damals war die Zeit der NPD, es standen viele NDP-Plakate auf dem Weg zum Flughafen.

Der Beginn von Pax Christi Deutschland

Ich sprach junge Freunde an, die unbelastet waren von der Vergangenheit, und sagte: Wir müssten uns doch eigentlich darum kümmern, diese Zeugen und Zeuginnen zu begleiten. Ahnungslos ging ich zum Gericht und sagte: Ich habe gehört, Sie haben demnächst den Vorsitz beim NS-Prozess. Wir haben dieses Anliegen. Der lachte mich aus und sagte: Die kriegen gutes Zeugengeld und eine Unterbringung im guten Hotel – was wollen Sie denn da betreuen?

Also ging ich nach Hause und dachte, du musst eine Organisation werden. Ich wusste von Aktion Sühnezeichen und Pax Christi, dass die sich für die Vergangenheit schon interessiert hatten und manches aus der Vergessenheit geholt hatten. Also rief ich in Freiburg an und sagte: Die und die Arbeit liegt vor uns, können wir hier eine Pax-Christi-Gruppe gründen? Das war die Gründung von Pax Christi hier in Hamburg. Wir haben sieben Jahre lang Zeugen und Zeuginnen zu den Nazi-Prozessen begleitet. Was ich aus Filmen kenne, sei es „Holocaust“ oder „Schindlers Liste“, ist nichts im Gegensatz zu dem, was diese Menschen erlitten und erzählt haben.

Es war ein gelangweiltes Gericht. Die Angeklagten wurden gefragt: Na, Herr Angeklagter, können Sie denn noch durchhalten, oder müssen wir eine Pause machen? Die Zeuginnen und Zeugen wurden das nie gefragt. Es war immer ein Fragezeichen da: Übertreiben sie auch nicht? Für die Zeug/innen war es ganz, ganz schwierig. Wissen Sie, wenn eine Frau mit ansehen muss, wie ihre vier Kinder und ihr Mann erschossen wurden, und man fragt sie 1967, nach so langer Zeit: Kam denn der Mörder, der SS-Mann auf einem Pferd geritten, und von rechts oder links, hatte der Handschuhe an oder nicht?, dann mag das für die Gerichtsbarkeit wichtig sein, dass sie einen solchen Prozess wie einen Fahrraddiebstahl behandeln, aber für die Frau war das unbegreiflich.

Wie wir glauben können

In dieser Zeit habe ich von meinen jüdischen Freund/innen meinen Glauben wieder gelehrt bekommen. Denn sie sagten: Wir sind auch verzweifelt, aber jeder Tag hat uns ein Stückchen Hoffnung gegeben, weil ein Vogel sang, weil ein Frosch hüpfte, weil eine Bäuerin mir eine Kartoffel zuwarf, weil ein deutscher Soldat mir auf die Schulter klopfte und sagte: Halt‘ durch! Du musst überleben, du musst später davon erzählen! Und ich habe gedacht, es ist eigentlich schrecklich, dass du als Christin so wenig Ehrfurcht vor diesem Gott hattest, der unbegreiflich ist, aber der doch sicher mitgelitten hat, dass man mit seiner Schöpfung, mit seinen Geschöpfen so umgegangen ist. Das war für mich die Möglichkeit, an dem neuen Vertrauen zu arbeiten oder zu glauben, dass er da ist, dass er leitet, dass er führt, dass wir vertrauen können.

Heute spreche ich mit Jugendlichen und mus hören, dass Vertrauen und Hoffnung fehlt, dass sie so viel Schweres und Schlechtes im Elternhaus sehen und erleben, dass sie so viele Versprechungen erhalten, die nicht eingehalten werden, dass sie so viel Bindungslosigkeit erfahren. Ich glaube, dass unser Zeugnis heute sein kann, zu vertrauen trotz alledem und ihnen vorzuleben, dass es Menschen in einer Gemeinschaft gibt, die einander vertrauen und die hoffen, dass dieses Vertrauen und Sich-Gott-Anvertrauen die Lebensmöglichkeit für alle ist.

Es ist ja interessant, alt zu werden, weil man so viele Vergleiche anstellen kann. Immer da, wo Eltern ihren Kindern etwas an Glauben vermittelt haben, kann das oft eine lange Zeit ruhen. Es ist viel Ablenkung da, es sind auch viele Menschen, die dem Kind begegnen oder dem Jugendlichen imponieren, aber dieser Samen, den wir gestreut haben, der geht irgendwann auf. Ich könnte Ihnen so viele Beispiele erzählen, wo es gelungen ist, da würden wir dann die halbe Nacht hier sitzen.

Ein Samenkorn Hoffnung

Ich will nur eines berichten: Ein Zeuge in den NS-Prozessen war ein Hautarzt aus San Francisco. Er hatte eine sehr lange, acht Tage dauernde Vernehmung. Danach waren wir befreundet und bevor er am nächsten Tag zurückflog, saßen wir im Kreis zusammen. Ich sagte zu ihm: Viele Grüße an deine Familie. Und da wurde er ganz verlegen und sagte: Für mich war Amerika wirklich die Rettung, ich durfte da was lernen und ich durfte als Jude praktizieren. Aber ich muss euch sagen, meine Kinder sind so undankbar. Damals zur Zeit des Vietnamkrieges, da gehen die gegen Amerika auf die Straße! – Im ersten Moment überlegte ich, ob ich jetzt vielleicht die Freundschaft auf’s Spiel setze, wenn ich etwas dazu sage. Aber dann haben wir doch was dagegen gesagt. Und fünf Jahre später rief er mich an und sagte: Ich komme mit meiner Familie in die Schweiz, könnt ihr nicht kommen? Wir fuhren zu dritt hin. Da kam so ein baumlanger Amerikaner auf uns zu und fragte: Bist du Gisela? Was hast Du denn mit meinem Vater gemacht? Der kam aus Deutschland zurück und ist mit mir auf die Vietnam-Demo gegangen!

Ich erzähle das nur, weil man manchmal sieht, dass das Samenkorn aufgeht, nicht immer, aber manchmal. Irgendwie geht es auf, aber es braucht eben seine Zeit. Auch genau da sollten wir uns im Glauben stärken. Und wir sollten es vielleicht wie die Häftlinge aus Auschwitz machen und sagen: Gibt es nicht jeden Tag eine Kleinigkeit, die wir dankbar erkennen können und hoffen können, dass unser Leben einen Sinn hat? Dass wir antreten können gegen Gewalt und gegen Krieg, dass wir uns untereinander stärken können in dem Friedensbewusstsein?

Ihr versteht vielleicht, warum es für mich wichtig ist, dass diese Vergangenheit nicht vergessen wird, denn damit vergessen wir auch den Widerstand, das Glaubenszeugnis von damals, auf dem wir letztlich fundiert leben können.

Deutscher Pazifismus

Ich will noch etwas zu dem Pazifismus sagen: Jedesmal wenn ein Krieg ausbricht, bin ich als Pazifistin einen Moment still und denke: Du bist militärisch befreit worden von den Nazis – hast du das Recht, anderen diese militärische Befreiung zu versagen? Aber diese Anfrage endet dann schließlich immer darin, dass ich sage: Krieg ist kein Mittel, um den Frieden endgültig herzustellen. Ich danke Euch sehr und hoffe, dass Ihr fragt oder Eure kleinen Hoffnungsgeschichten erzählt.
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