in Worte gefasst von Susanna Brauer / März 2002:
Meine Seele ist betrübt und das Leben lastet so schwer auf meinen Schultern.
Ich breche zusammen unter dem Druck des Lebens und weiß mir keinen Rat noch Hilfe.
Ich floh vor Verfolgung und Not und hoffte auf ein besseres Leben in Freiheit und Würde.
Aber hier bin ich nur gerade geduldet, auf der Straße schauen mir die Menschen nicht in die Augen, nichts zähle ich hier und bin nichts wert.
Ein Mensch bin ich, mit Gedanken, Hoffnungen, Wünschen und Ideen, voller Kraft und Zuversicht war ich, lebenstüchtig in meiner Heimat.
Ich verdiente für mich und meine Familie den Lebensunterhalt, war respektiert und anerkannt bei Arbeitskollegen und Nachbarn.
Als Not und Verfolgung überhand nahmen, organisierte ich unsere Flucht in ein fremdes, unbekanntes Land von dem ich gehört hatte, dass es die Freiheit des Einzelnen schätzt und seine Würde.
Und jetzt?
Einen Raum zum Schlafen habe ich, und muss nicht verhungern – aber ist das Leben nicht mehr, als nur zu existieren? Wie kann ich das jahrelang ertragen?
Mein Wissen ist hier nicht gefragt, meine Lebenserfahrung zählt nichts, ich werde behandelt wie ein kleines Kind, ohne Recht auf Arbeit und Bildung.
Meine Kultur interessiert niemanden, meine Art zu leben ist nicht geachtet und wertlos hier.
Bücher und Zeitungen in meiner Sprache sind teuer und schwer zu beschaffen, und mein Befinden, meine Trauer, mein Leid, meine Ratlosigkeit interessieren nicht.
Die Sprache zu lernen wird mir so schwer gemacht und ist doch Bedingung für alles, was ich hier tun muß. Niemand fragt mich nach meinen Fähigkeiten und Fertigkeiten, immer wieder muß ich erfahren, dass ich nutzlos bin.
Ich will wieder sorgen für mich und die Meinen, meinen Kindern zeigen, dass ich etwas wert bin und für sie Verantwortung trage. Aber das wird mir unmöglich gemacht.
Die Kinder dürfen in die Schule gehen – aber ihnen wird so wenig geholfen in der neuen Umgebung, dass sie oft versagen und als dumm eingestuft werden. Und nach der Schule ist eine Ausbildung, ein Beruf nahezu unmöglich für sie.
Man sagt mir, dass ich wahrscheinlich wieder zurück in mein Land muß, nachdem ich hier jahrelang vegetiert habe. Wie kann ich nach dieser langen Zeit des Nichtstuns wieder Fuß fassen? Wie soll ich mich selbst wieder achten lernen?
Und was wird aus meinen Kindern? Hier haben sie soviel Respekt vor mir verloren und auch nicht gelernt, selbstbewusst für sich einzustehen – wie sollen sie zu verantwortungsbewussten Erwachsenen werden mit dieser Erfahrung der Entmündigung und Wertlosigkeit?

