
Dorothy Day, die Mitbegründerin und prägende Gestalt unserer Catholic Worker-Bewegung starb am 29.11.1980. Aus diesem Anlass drucken wir den Abschluss eines Textes von Dorothee Sölle ab, der an verschiedenen Stellen ihres Werkes zu finden ist.
Was mich am tiefsten an Dorothy Day bewegt hat, habe ich erst nach ihrem Tode erfahren. Wie jeder Mensch, der nach Gerechtigkeit und Frieden hungert und dürstet, so geriet auch sie in Phasen der absoluten Erschöpfung, der Trauer, des Schmerzes. Das Wort „Verzweiflung“ scheint mir nicht an-gemessen, aber sehr weit entfernt davon kann es nicht gewe-sen sein, was sie durchmachte. In diesen Zeiten, so wurde mir erzählt, habe sie sich zurückgezogen und geweint. Sie habe stundenlang, tagelang, ohne Gespräch, ohne Nahrung einfach dagesessen und geweint. Sie hat sich nie aus dem kämpferischen und aktiven Leben für die Ärmsten zurückgezogen, und sie hat nie aufgehört, den Krieg und die Kriegsvorbereitung als ein Verbrechen an den Ärmsten anzusehen. Aber sie weinte.
Als ich das hörte, verstand ich etwas besser, was Gebet in der Mitte der Niederlage bedeutet; wie der Geist Menschen tröstet und zur Wahrheit führt, wobei eines nicht auf Kosten des andern geht und der Trost nicht mit dem Verzicht auf Wahrheit gekauft werden kann. Dass Dorothy Day tagelang weinte, bedeutet Trost und Untröstlichkeit zugleich. Sie wusste schon, warum sie, Teresa von Avila zitierend, so gern sagte: „Der ganze Weg zum Himmel ist Himmel.“
