„Was bedeutet es, ein Brot & Rosen-Kind zu sein?“ Diese Frage stellten wir anlässlich unseres Jubiläums unseren fünf „Gemeinschaftskindern“, die bei Brot & Rosen aufgewachsen sind.
von Elias Gerstner (*2002)
Als Kind war es für mich immer eine komische Frage, wenn es darum ging, wie es war, bei Brot & Rosen nicht nur zu leben, sondern auch aufzuwachsen.
Nicht weil sie nicht nachvollziehbar war, sondern weil ich mir diese Frage eher immer umgekehrt gestellt hatte. Wie ist es denn, wenn man nur mit drei Menschen in einer Wohnung aufwächst? Wie ist es, wenn man keine Geschwister aus aller Welt hat?
Bei Brot & Rosen aufzuwachsen bedeutet, in eine große Familie hineinzuwachsen, deren Verbindung nicht nur durch Blut definiert wird, sondern durch gelebten Zusammenhalt und geteilte Kulturen. ■
Die Antwort von Lea Kleinwächter (*2003)
Auf die Frage, „ob es nicht komisch oder ungewohnt sei, so aufzuwachsen“, konnte ich immer nur mit den Schultern zucken und sagen, dass ich es halt nicht anders kenne.
Ich kenne nicht das Gefühl, nach Hause zu kommen und eine leere Wohnung vorzufinden oder nur zu zweit am Esstisch zu sitzen. Wenn ich in die Küche gehe, dann eigentlich nie mit der Erwartung, dass ich dort alleine sein werde.
Genauso normal ist es fremde Leute in der Küche zu sehen, ohne es weiter zu hinterfragen. Irgendjemand ist halt immer da.
Ich habe mich oft gefragt, wie es wohl gewesen wäre, wenn ich nicht in dieser Gemeinschaft groß geworden wäre. Wenn es nur Mama, Jonas und mich gegeben hätte. Vielleicht wäre manches einfacher gewesen? Freunde mit nach Hause zu nehmen, ohne vorher einen 20-minütigen Vortrag über unsere etwas andere Wohnsituation halten zu müssen. Nicht erklären zu müssen, warum so viele Menschen in meinem Zuhause ein und aus gehen. Vielleicht wäre es auch manchmal schön gewesen, die Küche ganz für sich allein zu haben.
Aber das würde auch bedeuten, dass ich vieles nie gehabt hätte, was meine Kindheit ausgemacht hat. Es würde bedeuten, nicht jeden Abend das Essen aus einer anderen Kultur zu essen.
Es würde bedeuten, viele Menschen nie getroffen zu haben, die meinen Blick auf die Welt geprägt haben.
Vor allem in meiner Kindheit, wo ich mich darauf verlassen konnte, dass immer jemand zum Spielen da ist und dass es immer Menschen in meinem Alter gab, mit denen ich aufwachsen konnte.
In einer Gemeinschaft groß zu werden bedeutete auch, mehr als nur eine Bezugsperson zu haben: wenn Mama mal „nein“ sagt, einfach zu einer Person gehen, die „ja“ sagen würde.
Ein Brot & Rosen-Kind zu sein bedeutet für mich deshalb vor allem, Gemeinschaft nicht unbedingt als etwas Außergewöhnliches wahrzunehmen, sondern als etwas Selbstverständliches.
Gelernt zu haben, Raum, Alltag und Zeit mit anderen zu teilen und dass mein Zuhause nie nur aus Wänden und Zimmern bestand, sondern auch aus den Menschen, die darin gelebt haben.
Und obwohl ich mich manchmal frage, wie ein anderes Leben ausgesehen hätte, bin ich dankbar für die Erfahrung, die mir dieses Aufwachsen ermöglicht hat. ■
Die Antwort von Joel Gerstner (*1999)
„Was es bedeutet, ein Brot & Rosen-Kind zu sein“
Gute Frage…
Je älter ich werde, desto mehr verstehe ich eigentlich erst, wie ungewöhnlich es ist, in einer Lebensgemeinschaft mit Menschen aus aller Welt aufzuwachsen und wie sehr diese Erfahrung mich geprägt hat.
Ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie verwirrt ich war, als ich das erste Mal meinen Freund aus der Grundschule zuhause besuchte und feststellte, dass sein gesamter Haushalt nur aus ihm, seiner Mutter und ihrer schwarzen Katze in einer Zweizimmer-Wohnung bestand. Ich war bis dahin irgendwie fest davon ausgegangen, dass alle Menschen, genauso wie ich, in einer Gemeinschaft in einem großen Haus leben. Der große Unterschied, oder zumindest, das was mir damals am meisten auffiel, war, dass ich außerhalb meines Zimmers immer Menschen um mich herum hatte. In eine Gemeinschaft hineingeboren zu werden heißt in Gesellschaft aufzuwachsen. Ich kann mich an keinen Moment meiner Kindheit erinnern, an dem ich mich einsam oder alleine gefühlt habe. Nicht ohne Grund verbringe ich nach wie vor lieber Zeit unter Menschen als alleine.
Das besondere an einer Kindheit bei Brot & Rosen ist aber nicht nur, dass man in einer Gemeinschaft lebt, sondern vor allem mit wem man in einer Gemeinschaft lebt. Meine frühe Kindheit verbrachte ich gänzlich mit meiner – und das passendste Wort ist hier wohl – drei Jahre älteren Schwester aus Togo. In Anbetracht meiner mangelnden Lebenserfahrungen war ich mir damals natürlich noch nicht unserer offensichtlichen Unterschiede bewusst.
Liebe geht ja bekanntlich durch den Magen und so ist es auch wenig verwunderlich, dass eine meiner frühesten und stärksten Assoziationen zu anderen Kulturen das gemeinsame, kulinarisch diverse Essen war. Der Blick in die Gesichter unserer Mitbewohner*innen lenkte meinen Blick dann aber doch auch über den Tellerrand hinaus. Umgeben von Sprachen und Menschen aus anderen Ländern interessierte ich mich schon immer für andere Kulturen. Dieses Interesse an der Welt zog mich seit dem Abi fort aus Hamburg, und ich habe die letzten acht Jahre fast vollständig im Ausland – überwiegend in Frankreich – verbracht.
Ein Freund aus der Uni beschrieb diesen Umstand vor einiger Zeit ganz passend: Wer mit der Welt im Haus aufwächst, ist danach in der Welt zuhause.
Dieses Umfeld – die Geschichten und Schicksale unserer Mitbewohner*innen – hält mir einen Spiegel vor, und bildet damit gleichzeitig auch den Grundstein meines absolut universalistischen Moralverständnisses. Dieser Perspektivenwechsel heißt zwar nicht, dass man verlernt zu jammern, aber er schafft ein gutes Fundament gegen übertriebenes Selbstmitleid und er half mir, eine grundsätzlich optimistische Lebensansicht zu kultivieren.
Im Rückblick wirkt es zuweilen so, als hätten uns unsere Eltern während unserer Kindheit auf deutlich mehr Demos geschleppt, als es in Wirklichkeit wohl der Fall war. Aber meine Erfahrungen im Schatten des elterlichen politischen Aktivismus waren trotzdem in zweierlei Hinsicht lehrreich. Erstens zeigten sie, dass es wichtig ist, sich nicht nur im Privaten zu Dingen zu bekennen, sondern sich auch praktisch für diese einzusetzen. Und zweitens kann man seine Überzeugungen in die Tat umsetzen, kann eben doch auch im falschen das richtige Leben führen oder es zumindest uneingeschränkt versuchen. ■
Die Antwort von Daniel Gerstner (*2002)
In der Schulzeit war ich manchmal neidisch auf meine Mitschüler:innen. Wenn ich bei Freunden zu Besuch war, dann in der Regel in einer Wohnung oder einem kleinen Haus sogar mit Garten. Gespielt haben wir mit dem eigenen Spielzeug. Und das ist immer stückweit bei mir hängen geblieben. Bei meinem besten Freund war es sein Fußball, sein Fußballtor im Garten, oder auch seine Spielkonsole. Meine Spielzeuge zuhause musste ich teilen. Nicht nur mit meinen Brüdern, sondern mit allen, die auch mal spielen wollten.
Als Kind war das für mich ganz normal, als 10–14-Jähriger hat es mich manchmal zum Nachdenken und Vergleichen gebracht. Wäre ich lieber in so einem Ein-Familien-Setting aufgewachsen oder lieber bei Brot & Rosen? So oft mich das Teilen oder Nicht-Allein-Sein in manchen Momenten gestört hat, so habe ich den Rest der Zeit immer davon profitieren können. Und je älter ich wurde, desto mehr habe ich das verstanden.
Brot & Rosen bedeutet nämlich nicht nur sein Eigenes mit anderen zu teilen, sondern auch, dass andere ihres mit dir teilen. Sachen zum Spielen gab es also zuhauf. Ebenso die Spielpartner:innen. Wenn meine Brüder mal keine Lust hatten, gab es genug andere Kinder oder Mitbewohner:innen, mit denen ich Zeit verbringen konnte.
Auf mein Aufwachsen bei Brot & Rosen blicke ich sehr positiv zurück. Ich hatte nie das Gefühl, zuhause allein zu sein. Es war immer, wirklich immer, jemand da, dem man hallo sagen oder dem man von seinem Tag erzählen konnte. Manchmal auch Menschen, die man nie zuvor gesehen hat. Aber die gehören schon irgendwie dazu und spätestens beim Abendessen wusste man mehr. Rückblickend würde ich nichts ändern wollen. Wahrscheinlich habe ich mich auch deswegen nach zwei Jahren Wegsein dazu entschieden, wieder zuhause leben zu wollen. ■
Die Antwort von Jonas Kleinwächter (*1996)
Als einziges der (Kern-)Gemeinschaftskinder kam ich erst einige Jahre nach meiner Geburt in die Gemeinschaft herein. Kurz vor dem Grundschulalter zogen meine Mutter Birke und ich in das Brot & Rosen-Haus ein.
Keine allzu große Vergleichsgröße, dennoch kannte ich somit auch ein anderes Lebens- und Familienkonzept. Aber auch das neue konnte in den ersten Jahren schnell überzeugen. Man traf quasi auf eine erweitere Familie, in verschiedenen Altersgruppen, mit verschiedenen Hintergründen. Kulturell, geografisch, sozial. Dies schuf einen einzigartigen Erfahrungsspielraum, den man schon frühzeitig in seiner eigenen Entwicklung erleben durfte. Dafür bin ich sehr dankbar, denn so habe ich von klein auf gelernt, all diesen Hintergründen offen und wertschätzend gegenüber zu treten. Das ist geblieben!
Eine sehr große Familie und Hausgemeinschaft mit viel gegenseitiger Verantwortung und Kooperationsbedarf bringt neben den positiven Aspekten aber natürlich Herausforderungen, insbesondere für junge Menschen im Heranwachsen. So gab es einige Phasen, in denen ich der Gemeinschaft durchaus überdrüssig war und gerne mehr Ruhe für mich gehabt hätte. Denn so wertvoll ich dieses Projekt weiterhin erachte, eine freie Wahl, ihm beizutreten, hatte ich nicht.
Würde ich daher an meiner Kindheit und Jugend was ändern wollen? Nein, das würde ich nicht.
Ich bin dankbar für all die Menschen, die ich kennenlernen durfte und die Erfahrungen, die ich dank ihnen und mit ihnen erleben durfte! Das hat mich auf vielfältige Weise geprägt.
Dennoch bin ich auch froh, mittlerweile in einem Stadium angekommen zu sein, indem ich mir mein eigenes Lebenskonzept auswählen kann. ■

