Diakonische Basisgemeinschaft in Hamburg
Arbeit für Frieden und Gerechtigkeit
Gastfreundschaft für Flüchtlinge
Leben in Gemeinschaft
Land in Sicht

Anfang Juli wurde als Protest gegen die restriktive Bleiberechtsregelung des Deutschen Bundestages eine Grenze um die Zentrale Ausländerbehörde errichtet: Der Haupteingang wurde durch einen Sicherheitszaun mit Stacheldraht, Kettenschlössern, sowie einer fest betonierten Mauer versperrt.

von Frauke Niejahr / September 2007

Manchmal kommt es mir vor, als würden wir mit unseren Gästen in einer Arche sitzen und Ausschau halten, wann die Taube zurückkommt mit dem Ölzweig: Verheißung eines Neuanfanges. Verheißung, dass in unserem Land Recht sich ausbreitet als ein zugängliches Gut, Verheißung, dass das Land bewohnbar wird.

In den letzten Wochen gab es viele hoffnungsvolle Nachrichten von MitbewohnerInnen und ehemaligen Gästen. Das freut uns sehr, wir haben jede Menge Grund zur Freude und danken viel in unseren Gebeten. Gleichwohl sehnen wir uns weiterhin danach, dass eine Arche in unserem Land überflüssig wird, und uns ist sehr klar, dass zunehmend weniger Menschen unser Haus überhaupt erreichen. Davon unten mehr.

Land in Sicht.

Unser kurdischer Mitbewohner Ersin, ein Künstler, der in der Türkei politisch aktiv war, auch nach seiner Flucht in Deutschland weit über Hamburg hinaus vernetzt ist und die Opposition unterstützt, hat eine Duldung bekommen! Endlich hat eine Richterin anerkannt, dass er bei seiner Rückkehr in die Türkei gefährdet wäre! Ein erster Schritt, Land in Sicht: Wir hoffen, weiter, dass dieses Land für Ersin bald dauerhaft bewohnbar wird.

Land in Sicht ist endlich auch für Familie Lawson. Nächsten Monat können Genéviève, Pamela, Simeon und Clement eine eigene Wohnung beziehen. Die Familie aus Togo ist seit mehreren Jahren als im Heimatland verfolgt anerkannt. Seit langem hat der Vater, seit dem Frühjahr auch die Mutter eine versicherungspflichtige Arbeit (beide in Putzfirmen). Trotzdem war es langwierig und schwierig für die Familie, eine Wohnung zu finden. Die Tochter der Familie, Pamela, erlebte, wie eine deutsche Freundin in viel kürzerer Zeit eine Wohnung fand und kommentierte: „Das ist ungerecht: Ich glaube, Deutsche können viel schneller eine Wohnung finden.“ Wir freuen uns nun riesig mit den Vieren, dass sie ihrem Wunsch nach einem ökonomisch eigenständigen, gesellschaftlich integrierten Leben als Familie nach so vielen Jahren jetzt nahe gekommen sind. Da sie uns gute FreundInnen geworden sind, wird ihr Auszug für uns und für unsere Kinder sicher einschneidend. Zum Glück ziehen sie in den Nachbarstadtteil!

Besser bewohnbar wird unser Land endlich auch für unseren ehemaligen Mitbewohner Ashwani aus Afghanistan. Er hat als politisch Verfolgter Asyl bekommen! So lange schon ringen Ashwani und sein deutscher Lebenspartner mit der Behörde, dass ich diese gute Nachricht erst gar nicht begreifen konnte, als kürzlich ihr Anruf kam. In viele Flüchtlingsbiographien hat unser Staat so unglaublich oft Ablehnungen, Zurückweisungen und Hürden eingeschrieben! Wenn den Menschen endlich Recht zugesprochen wird und unser Land für sie wirklich bewohnbar wird, muss ich mir manchmal bei so guten Nachrichten die Augen reiben, bis ich es glauben kann: Wirklich, Land ist in Sicht.

Ich denke zum Beispiel auch an Lady Cindy, die im letzten Jahr eine Zeit bei uns lebte: Nach 26 Jahren in Deutschland hat diese beeindruckende Frau – ökumenisch engagiert, aktiv in verschiedenen Gemeinden, gesellschaftlich gut integriert, beruflich als Schneiderin hoch qualifiziert – endlich das Recht, hier bleiben zu dürfen, erkämpft. Land in Sicht. Nun stehen noch viele kleine Schritte wie Papierbeschaffung auf Konsulaten und allerlei Ämterbesuche an, bis die errungene Rechtssituation ausgestaltet ist. Ich wünsche Lady Cindy dabei weiterhin so viel bewundernswerten Schwung und so tragende Hoffnung!

Vor ähnlichen kleinen Schritten im endlich gewonnen Neuland steht auch Familie Yagan. Von unserer Freude darüber, dass sie ein humanitäres Bleiberecht bekommen hat, berichteten wir im letzten Rundbrief. Familie Gerstner hat Yagans im Sommerurlaub in Süddeutschland besuchen können. Es war so wohltuend spürbar, dass endlich viel Anspannung aus dem Alltagsleben der Familie zu verschwinden beginnt. Die tägliche Ungewissheit und Angst vor Abschiebung ist gewichen, die Familie ist angekommen in ihrem neuen Dorf. Ihre große Integrationskraft, die wir im Zusammenleben bei Brot & Rosen auch erfahren durften, und viel Unterstützung von FreundInnen vor Ort bündeln sich im Alltag: Ein Stück von unserem Land ist für sie endlich bewohnbar geworden.

Dieses hoffen wir auch für unseren Mitbewohner Muhammad aus Palästina. Mich erstaunte immer wieder, wie der zerbrechlich erscheinende junge Mann Anfang Dreißig, der im Westjordanland ein Bekleidungsgeschäft besaß, ohne Zögern im Hamburger Hafen für einen Hungerlohn schwerste Lagerarbeiten bewältigte (Container auspacken). Jetzt hat Mohammed erfreulicherweise mit einem Sprachkurs begonnen. Manchmal sitzt er noch spät abends mit Ilona in der Küche und übt neue Wörter. Muhammad kann nicht zurückreisen – Israel verweigert die Einreise für Palästinenser. Wenn bei uns endlich seine Herkunft aus dem Westjordanland anerkannt wird, bekommt er ein Aufenthaltsrecht, solange die Situation in seiner Heimat unverändert bleibt. Wir hoffen mit ihm auf ein humanitäres Bleiberecht. In der Perspektivlosigkeit seiner Situation bittet Muhammad um eine menschliche Lösung und hat sich damit auch in einem Brief an das Bundesamt gewendet.

Über einen neuen Lebensabschnitt anderer Art freuen wir uns mit zwei ehemaligen Mitbewohnerinnen: Olga aus Russland, die mit ihren Kindern Lera und Stepan bei uns gelebt hatte, und ihrem Mann Andreas gratulieren wir zu ihrem Sohn Juri und Georgia aus Bulgarien zur Geburt ihrer Tochter Helen. Georgia hatte hochschwanger mit ihrem 1½ jährige Sohn ein paar Wochen lang bei uns gelebt. Damals war es für sie noch unvorstellbar, in Würde ein zweites Kind zu bekommen und zu versorgen. Inzwischen hat sie engagierte Hilfe aus der kurdischen Gemeinschaft erfahren. Anstatt das Baby, wie sie erst plante, zur Adoption freizugeben, gibt es für sie nun die Perspektive, mit ihrem kurdischen Partner als Familie zu leben. Mit UnterstützerInnen kämpft die Familie nun um eine stabilere Perspektive.

„Land unter“

Mitten in all diese guten Nachrichten platzte die schreckliche Nachricht, dass unser ehemaliger Mitbewohner Arthur überraschend abgeschoben werden sollte. Arthur litt in seiner Sammelunterkunft zunehmend unter Angstzuständen. Ein vermeintlicher amtsärztlicher Termin erwies sich dann als Falle: Statt eines Arztes erwartete ihn dort die Polizei, die ihn direkt zum Flughafen mitnehmen und in die Diktatur Togo abschieben wollte. In Panik sprang Arthur aus dem Fenster im 1. Stock und brach sich dabei den Fuß. Trotz seiner Verletzung wollten die BeamtInnen die Abschiebung fortsetzen. Nur aufgrund anwaltlicher Intervention erhielt er vom Gericht einen kurzfristigen Abschiebeschutz. Seinen Geburtstag verbrachte Arthur im Krankenhaus...

Die seltsamen Rechts- und Unrechtsdefinitionen und viel Unmenschlichkeit, die durch die von Europa definierten „Außengrenzen“ entstehen, beschäftigen uns. Immer weniger Menschen, die auf der Flucht sind, kommen überhaupt in Europa an (nach Europa hinein). Menschen, die Flüchtlingen in Lebensbedrohung helfen, werden immer wieder auf skurrile Weise deswegen belangt – so stehen neuerdings sieben tunesische Fischer als vermeintliche Schlepper vor einem italienischen Gericht, nachdem sie Flüchtlinge aus Seenot gerettet haben. Es ist schwer, dieses Unrecht anzusehen, aber wir wollen im Namen der Menschlichkeit auf die Folgen europäischer Grenzpolitik aufmerksam machen. Zum Gedenken der Toten an den EU-Außengrenzen bereiten wir zurzeit in einem Bündnis einen Workshop (u.a. mit Elias Bierdel, ehemals „Cap Anamur“) und einen politischen Gedenkgottesdienst am Volkstrauertag vor.

Tatkräftige Mitarbeit

Im Haus haben wir uns über den fröhlichen und tatkräftigen Besuch von Anne aus Berlin gefreut, die sich im Abitur über „Christlichen Anarchismus“ prüfen lassen möchte und bei uns Anregungen gesammelt hat. Fast im Anschluss kam Lisa, um ein mehrwöchiges Praktikum bei uns zu machen. Für uns ist sie eine „externe Freiwillige“, und schon nach kurzer Zeit haben wir erlebt, was für ein Gewinn sie für uns ist mit ihrer umsichtigen und zupackenden Art. Wir machen auch mit diesem Modell von Mitarbeit in unserem Haus gute Erfahrungen und laden herzlich dazu ein – gerne auch Männer!

Als Gemeinschaft sind wir gerade von unserer Herbstklausur in Fleestedt zurückgekommen. Im Haus der Schwesterngemeinschaft Ordo Pacis haben wir ein Wochenende in ruhiger Umgebung mit viel Zeit füreinander gehabt. Mit der leitenden Schwester Erika Fischer haben wir begonnen, uns auf unsere (spirituellen) Grundlagen zu besinnen und uns auf den längeren Weg einer, wie wir es nennen, geistlichen Begleitung gemacht. Nun starten wir beschwingt von vielen hoffnungsvollen Nachrichten ins nächste Vierteljahr, neugierig auf Abschiede und Neuanfänge, die uns ins Haus stehen und auf viele gute Veranstaltungen, zu denen wir einladen.



Mittragen

Unsere Gastfreundschaft für obdachlose Flücht­linge wird erst mög­lich durch Spenden und ehren­amtliche Mitarbeit
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Mitfeiern

Hausgottesdienste, Offene Abende und immer wieder mal ein Fest: Herzlich will­kommen bei uns im Haus der Gast­freund­schaft
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Mitbekommen

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Mitleben

Immer wieder fragen uns interessierte Menschen, ob und wann sie uns be­suchen kommen können. Wir freuen uns sehr über dieses Inter­esse.
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