Diakonische Basisgemeinschaft in Hamburg
Arbeit für Frieden und Gerechtigkeit
Gastfreundschaft für Flüchtlinge
Leben in Gemeinschaft
Von guten Mächten wunderbar geborgen

Peter Hüttemann - hier bei unserem 10-JahresFest - wurde nach Jahren als engagierter Pastor und kämpferischer Streiter für die Rechte der Flüchtlinge am 12.11. in den Ruhestand verabschiedet. Danke für Deine Solidarität!

von Birke Kleinwächter / Dezember 2006

Wer das Haus der Gastfreundschaft betritt, wird sich der fröhlich-lauten Atmosphäre, wie sie nur eine große Kinderschar zu erzeugen vermag, nicht entziehen können. Seit September wohnen (wieder einmal) neun Kinder im Haus.

Überhaupt ist unser Haus derzeit voll belegt und alle wirken - nach Auszeit (Uta und Dietrich) und Krankheit (Frauke) - wieder mit. Es war spannend, erneut miteinander in die gewohnten Abläufe hineinzufinden. Auf unserem Gemeinschaftswochenende Anfang Oktober in der gesegneten und so wohltuend gastfreundlichen Atmosphäre der Basisgemeinde Wulfshagenerhütten hatten wir Zeit uns mitzuteilen, wer wo steht, was er oder sie braucht und was man einbringen mag und kann. Vielen Dank Euch Geschwistern in der Basisgemeinde!

Vier Erwachsene und vier Kinder leben hier zurzeit als Gäste bzw. MitbewohnerInnen.

Und gleich drei neue Freiwillige gestalten unser Leben und Arbeiten mit. Ilona Gaus, uns schon lange durch die Kinderbetreuung vertraut, lebt auf Probe mit - mit der Option auf etwas Dauerhaftes. Stephan Pickl ist ebenfalls auf der Suche nach einem längerfristigen Leben in Gemeinschaft und schaut, ob wir der richtige Ort sind. Und für ein Jahr dabei sein wird Peter Trabert. Letzterer kommt wie schon zuvor Mike und Matt über die Freiwilligenorganisation Brethren Volunteer Service aus den USA zu uns.

Unser 10-Jahres-Fest im September, von dem wir bereits Fotos im letzten Rundbrief abgedruckt haben, war sicherlich der Höhepunkt in diesem Jahr. Zum Fest kamen viele FreundInnen und auch ehemalige MitbewohnerInnen, andere nutzten die Gelegenheit uns neu kennen zu lernen. Es gab das wahrscheinlich einmalige Zusammentreffen von David Sargeant, Mike Horner und Matt Clemens, unseren bisherigen internationalen Freiwilligen. Wer Mike Horners Puppentheaterstück „Die wahre Geschichte von Brot & Rosen“ nicht gesehen hat, muss leider damit leben, etwas unglaublich Witziges und einen begabten Puppenspieler verpasst zu haben. Wir freuen uns mit Mike, dass er nun tatsächlich eine Anstellung als professioneller Puppenspieler in den USA hat - herzlichen Glückwunsch, Mike! (Wir erwarten gespannt Deine internationalen Tourneen!).

Auch wenn die Zeit ums Fest herum überschattet wurde von Kinderunfällen mit kurzfristigen Krankenhausaufenthalten (Daniel und Jonas), gingen wir bestärkt und beglückt aus diesem Tag heraus. Zahlreiche Blumensträuße, eine Kiste voll wunderbarer Briefe und viele, viele andere Dinge hielten und halten bis heute die Erinnerung an einen wunderschönen Festtag wach. Es ist halt doch nicht nur unsere kleine Gruppe vor Ort, die zum Gelingen dieses Projekts beiträgt!

Ein Skandal ist es immer noch, dass man Flüchtlingen in Deutschland in der Weise Schutz vor staatlicher Gewalt bieten muss, wie wir oder die Gästewohnungen es tun. Daran wird leider auch die von den Innenministern zwar beschlossene aber kleinliche Bleiberechtsregelung nichts ändern. Aber es tröstet ungemein, dass wir der staatlichen Willkür und Unmenschlichkeit etwas entgegensetzen können. Und es hilft, dass unzählige UnterstützerInnen uns mittragen.

Hier im Haus der Gastfreundschaft hören wir die Horrorgeschichten, die Flüchtlinge erleben, auch. So hatten wir für einige Wochen eine Ghanaerin bei uns mitleben, deren Bleibegesuch auch nach 26 Jahren hierzulande und trotz schwerer Krankheit nicht einmal von der Härtefallkommission angenommen wurde. Aber unser Zusammenleben produziert so viele eigene Geschichten und Erlebnisse, dass das Erschreckende und Traurige all der Vorgeschichten nicht unseren Alltag prägt. Es flackert auf, es ist da, aber wir leben zusammen, lachen, essen, spielen miteinander, streiten und versöhnen uns wie andere auch.

Es reicht jedoch eine Teilnahme an unserer donnerstäglichen Mahnwache, um die Brutalität der deutschen/ Hamburger Abschiebepolitik wieder ins Gesicht geschlagen zu kriegen.

Am 9. November gingen wir im Gedenken an Dorothy Days Geburtstag (8.11.) als ganze Gemeinschaft zur Mahnwache, die Dank des unverdrossenen Einsatzes von Michael Dürrwächter, Edzard Müller, Fritz Dahnke und Hildegard Thevs bis heute wöchentlich stattfindet. Jetzt, wo wir wieder zu acht sind, soll die Mahnwache wieder ein fester Dienst unserer Gemeinschaft werden, d.h. auch von uns wird wieder jede Woche jemand vor der Ausländerbehörde stehen.

Nach Gorleben hingegen fuhr dieses Jahr nur Elisabeth, die uns Anfang November vertrat auf der Demonstration gegen den unsäglichen Atommülltransport. Wir warten ab, was Dietrich und Viola widerfahren wird angesichts ihrer Weigerung, Bußgelder für Ihre Teilnahme an einer Straßenblockade im November 2004 zu zahlen. Letztes Jahr saß ich ja mit Viola auf den Gorlebener Straßen, was - obgleich dieselbe Aktion - ungeahndet blieb. Auch die Polizei probiert jedes Jahr neue Strategien aus. Wir hielten das Vorgehen letztes Jahr für einen Beitrag der Polizei zur Deeskalation. Letztlich sehen wir uns als Widerständige im Recht und in der Pflicht, gegen die Lebensbedrohung vorzugehen.

Erfreulicherweise wächst zurzeit in Deutschland und weltweit ein erhöhtes Bewusstsein für den stattfindenden Klimawandel. In diesem Sinne bitten wir Euch und Sie, ernsthaft, falls noch nicht geschehen, über den Wechsel zu einem ökologisch verträglich wirtschaftenden Stromanbieter nachzudenken (s. S. 5).

Ebenfalls im November nahm Dietrich teil an der Jahrestagung der Bundesarbeitsgemeinschaft Asyl in der Kirche zum Thema „Glaubwürdig leben - widerständig handeln. Solidarität mit den Entwurzelten“. Auf der Tagung lernte Dietrich auch den Autoren und Journalisten Elias Bierdel aus Köln kennen. Bierdel war Vorsitzender der humanitären Hilfsorganisation. „Cap Anamur“, als die Besatzung mit ihrem Schiff im Sommer 2004 bei einer Fahrt durchs Mittelmeer 37 in Seenot geratene Flüchtlinge rettete. Als sie die Schiffbrüchigen beim nächsten sicheren Hafen an Land bringen wollten, handelten sie gemäß internationalem Seerecht. Dennoch wurden sie mehrere Tage lang auf hoher See von italienischen Kriegsschiffen am Einlaufen gehindert. Nach der Landung wurden alle Flüchtlinge sofort in ein Abschiebelager gebracht und ohne nähere Prüfung ihres Anliegens nach Afrika abgeschoben. Elias Bierdel, der Kapitän des Schiffes, Stefan Schmidt und der 1. Offizier Vladimir Daschkewitsch wurden festgenommen. Ab dem 27. November 2006 wird ihnen in Agrigent auf Sizilien der Prozess gemacht wegen „Schlepperei in einem besonders schweren Fall“. Als Höchststrafe drohen 12 Jahre Haft! Wir solidarisieren uns ausdrücklich mit der Besatzung der Cap Anamur! (weitere Informationen unter www.elias-bierdel.de oder unter www.kirchenasyl.de.)

Ganz frisch ist mir noch der Eindruck eines Eine-Frau-Theaterstücks über die „Brautbriefe“ Dietrich Bonhoeffers und Maria von Wedemeyers. In sehr eindrücklicher Weise wurde die Person der Maria nahe gebracht, die in den Darstellungen oft so verblasst neben Bonhoeffer. Mir fiel auf, dass ein Abend über Bonhoeffer leider fast keine jungen Leute anlockt. Dabei ist sein umfassendes Gedankenwerk auch in heutigen Zeiten noch eine aktuelle und wichtige ethische Grundlage.

Am Ende dieses Jahres blicke ich zurück und stelle fest, dass es eines unserer schwierigen Jahre gewesen ist. Wir befinden uns immer wieder an dem Punkt, wo eine kleine Gruppe überlegt, ob unser Projekt überleben wird und wie unser Beitrag dazu aussehen kann. Es bleibt eine gemeinschaftliche Last und Chance zu sehen, wie wir uns gegenseitig achten und wahrnehmen mit unseren jeweiligen Gaben und Bedürfnissen, und das, ohne die gelebte Gastfreundschaft als unsere Mitte zu verlieren. Jetzt mit drei neuen, neugierigen und engagierten MitstreiterInnen herrscht Aufbruchsstimmung im Haus, die mir/ uns sehr gut tut.

Im Rückblick auf dieses Jahr fallen uns auch viele Versäumnisse ein, Briefe und Anfragen, die wir nie beantwortet, Kontakte, die wir nicht mehr gepflegt haben, Dienste, die wir kommentarlos haben fallen lassen. Bei all denen, die es betrifft, möchten wir uns entschuldigen. Wir haben oft einfach nur schauen können, wie ein oder zwei Personen wenigstens das Allernotwendigste erledigen.

In diesem Zusammenhang möchten wir übrigens Sara Elbeshausen danken, die auf die Idee gekommen ist, uns einmal monatlich Massagen zu schenken, um uns so ganz konkret den Rücken zu stärken. Eine große Wohltat und wunderschöne Idee!

Und: Ein herzliches Dankeschön all den Menschen, die unserem Dauerspendenaufruf gefolgt sind!

25 Menschen sind neue DauerspenderInnen geworden bzw. haben laufende Aufträge erhöht, so dass wir im Jahr um fast 5000,- € höhere regelmäßige Einnahmen haben werden.

Andere haben mit Einzelspenden reagiert oder uns potentielle InteressentInnen an unserer Arbeit genannt.

Ihnen/ Euch und überhaupt allen UnterstützerInnen im Jahr 2006 gilt unser Dank!

„Von guten Mächten wunderbar geborgen“, summt es mir durch den Kopf - dieses spüren wir bei Brot & Rosen immer wieder und diese Gewissheit wünschen wir Euch und Ihnen allen.



Mittragen

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