Diakonische Basisgemeinschaft in Hamburg
Arbeit für Frieden und Gerechtigkeit
Gastfreundschaft für Flüchtlinge
Leben in Gemeinschaft
Veränderungen

von Ute Grevsen / September 2000

Seit Mitte August ist es deutlich stiller in unserem Haus. Unsere kleine Romafamilie, ein Vater mit zwei Kindern, wurde nach neunmonatigem Mitleben bei uns nach Mazedonien abgeschoben.

Eto und Burhan wurden vor sieben und acht Jahren hier in Hamburg geboren, ihre Mutter starb vor 3 Jahren an Krebs. Trotzdem durften sie und ihr Vater Mustafo nicht bleiben, sondern mußten in ein Land ausreisen, das ihnen fremd ist, dessen Sprache die Kinder nicht sprechen.

Mustafo und seine verstorbene Frau stammen aus dem ehemaligen Jugoslawien. Ihr Asylantrag wurde abgelehnt, weil sie dort als Roma zwar systematisch ausgegrenzt und benachteiligt werden, die Familie aber keine persönliche politische Verfolgung nachweisen konnte. Mustafo hat seit gut 10 Jahren nicht mehr in seinem Heimatland gelebt und hatte dort keine Lebensgrundlage. Alle Versuche, der Familie nach dem Tod der Mutter ein Bleiberecht aus humanitären Gründen zu verschaffen, sind abgelehnt worden. Das Jugendamt hatte Mustafo angeboten, die Kinder in Deutschland in einer Pflegestelle unterzubringen, er selber aber sollte unbedingt ausreisen. Ein Leben ohne seine Kinder war für Mustafo natürlich undenkbar!

In einer großen Gruppe haben wir die drei zum Flughafen begleitet, wo wir sie den BGS-Beamten übergeben mußten. Die Tränen beim Abschied und Mustafos Verzweiflung werde ich so schnell nicht vergessen.

Oft war es mir in den letzten Monaten zu unruhig im Haus, doch nun sind die Mahlzeiten seltsam still und ich vermisse das Geplapper und Lachen von Eto und Burhan.

Zum Glück mußten sie nicht mit leeren Händen gehen: Viele RundbriefleserInnen haben in den letzten Wochen Geld für die Familie gespendet. Gut 10.000 DM wurden mittlerweile an die Caritas in Skopje weitergeleitet. Von dort erhält Mustafo in den nächsten Monaten eine regelmäßige Unterstützung zum Lebensunterhalt. Gemeinsam mit CaritasmitarbeiterInnen wird er versuchen, ein kleines Haus zu kaufen oder zu bauen. Wir danken Ihnen und Euch ganz herzlich für diese Hilfe. Sie hat uns und der Familie den Abschied wesentlich leichter gemacht.

Auch sonst gibt es in der nächsten Zeit einige Veränderungen: Johannes, langjähriges Mitglied der Hammer Kommune und Lebenspartner von Chris, zieht im September ins Haus. Er kann schon auf eine Zeit als Freiwilliger bei uns zurückblicken und wird als gelernter Landwirt u.a. die Verantwortung für den Garten übernehmen.

Jens und ich sind ab September nur noch Nachbarn und Freunde der Gemeinschaft. Wir nutzen die Zeit bis zum Jahresende, um uns auf einen längeren Aufenthalt in den USA vorzubereiten (s. Kasten).

Daß unser Freiwilliger David ein zweites Jahr bleibt, haben wir ja schon im letzten Rundbrief erwähnt. Nun hat sich auch Naomi entschieden, länger zu bleiben. Sie kam im März zu einem sechswöchigen "Besuch", den sie bis Ende Juli mehrmals verlängerte. Nach einem "Heimaturlaub" bei ihrer Familie in Amerika ist sie ab September wieder voll dabei. Naomi ist übrigens in einer US-Lebensgemeinschaft aufgewachsen, die wir zu den Wurzeln unserer Bewegung zählen.

Auch unsere Gästezimmer bleiben nie lange leer: Schon am Abend vor der Abschiebung zogen eine junge Afrikanerin und ihre fast 4jährigen Tochter bei uns ein, die von heute auf morgen obdachlos geworden waren. Noch ist die Kleine etwas schüchtern, doch mit der Zeit wird sie das Haus sicher mit mehr Leben füllen.

Langsam geht unsere "Sommerpause" zu Ende - auch wenn wir keinen richtigen Sommer hatten. Wir nutzen diese ruhigere Zeit des Jahres ohne Offene Abende, Gottesdienste, Hausführungen etc. für eigene Urlaubsreisen und Besuche bei Familie und Freunden. In diesem Jahr haben wir zusätzlich noch einiges geschafft: Der Garten hat uns wieder eine reiche Ernte beschert, genau wie die Hamburger Tafel. So konnten wir viel Marmelade kochen und Beeren entsaften, um uns einen Wintervorrat anzulegen. Auch die Gefriertruhe ist randvoll mit vorbereitetem Gemüse. Außerdem scheinen die Renovierungsarbeiten im Haus nie zu enden. An sonnigen Tagen haben wir sämtliche Fenster lackiert und notwendige Reparaturen erledigt.

Und im September geht es dann wieder richtig los mit spannenden Themen in unserer Veranstaltungsreihe und Plänen für eine Aktion zum "Tag des Flüchtlings". Herzlich Willkommen!

 

Ute & Jens go West

Anfang nächsten Jahres gehen wir beide für einige Zeit in die USA. Als Freiwillige werden wir in der ökumenischen Lebensgemeinschaft "Jubilee Partners" mit Kriegsflüchtlingen aus aller Welt arbeiten - eine Hauptaufgabe wird Englischunterricht und medizinische Betreuung sein. Die Gemeinschaft engagiert sich weiterhin für Friedensprojekte im Irak, Versöhnungsarbeit in Nicaragua sowie gegen Todesstrafe und Militarismus in den USA. Dabei leben wir in einer ländlichen, "dorfähnlichen" Gemeinschaft mit ökologischem Gartenbau, weiten Feldern, viel Wald und einem eigenen Badesee.

Für uns persönlich ist es auch (im 7. Jahr nach Gemeinschaftsgründung) eine Art Sabbatjahr - Zeit, uns anderen Wind um die Nase wehen zu lassen. Längere Zeiten in Lebensgemeinschaften im Ausland haben uns ursprünglich zum Gemeinschaftsaufbau in Hamburg inspiriert, jetzt könnten sie ein guter Ort sein, unsere weiteren Schritte zu klären.

Ute Grevsen



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