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Wenn das Wort, das wir sprechen, als Lied erklingt
von Dietrich Gerstner / März 2005 Musik und Gesang sind nicht wegzudenken aus unserem Leben hier im Haus der Gastfreundschaft. In der Morgenandacht singen wir Gesänge aus Taizé. Songül aus der Türkei singt manchmal für andere im Haus romantische Lieder aus ihrer Heimat - "gegen zu viel Denken", wie sie sagt. Die Kinder bringen die unterschiedlichsten Lieder mit nach Hause. Wir singen vor dem Essen, zu Festen oder bei den Hausgottesdiensten. Und abends kann man kurdische, togolesische oder deutsche Schlaflieder hören. Mit bestimmten Liedern aber sind wir auf besondere Weise verbunden. Das Taizélied "Oculi nostri ad Dominum Jesum" hatten wir bei der Trauerfeier für die verstorbenen Eltern eines kurdischen Mitbewohners gesungen. Es hat inzwischen unsere Herzen erobert, und selbst unsere kleinen Jungs Baran, Elias und Daniel wünschen es als Schlaflied. Das Lied "Wenn das Brot, das wir teilen ..." begleitet, trägt und tröstet uns. Es spricht von unseren Erfahrungen ebenso wie von unseren Hoffnungen. Ein musikalischer Höhepunkt war Ende November unser Benefiz-Hauskonzert im Saal der Thomaskirchengemeinde. Über 70 Menschen beteiligten sich mit Musikbeiträgen, durch Ansagen in verschiedenen Sprachen oder einfach durch das Zuhören und Mitsingen. Angeregt durch dieses schöne Erlebnis haben wir für 2005 eine neue Reihe Offener Abende geplant, die wir im Zusammenspiel von Inhalt und Musik gestalten. Der erste Abend am 1.2. mit Fulbert Steffensky zu einer "Spiritualität von unten" (siehe S. 6-7) und mit Matt Clemens an der Gitarre war schon ein voller Erfolg. Da über 40 Leute kamen, zogen wir wiederum ins größere Gemeindehaus um. Auch zu den folgenden Abenden mit Leman Rüschemeyer (Gesang) und Susanna Brauer (Gedichte über Flucht) am 31.3., sowie mit Götz Vollertsen (Gitarre) und Heiko Habbe (klassische Texte) am 7.6. laden wir Euch und Sie herzlich ein. Aber auch ungeplant vereinte uns Musik und drückte die Sehnsüchte von uns allen, aber besonders von unseren MitbewohnerInnen aus. Als bei einer spontanen Küchenfete im Januar die Hits "I will survive" und "We are Family" aufgelegt wurden, da tanzten und sangen alle spontan mit. Ja, es stimmt, wir haben derzeit eine besondere Hausgemeinschaft beisammen, in der wir uns gegenseitig tragen und neben allem Ernst auch viel Spaß miteinander haben. Das kann sich dann auch mal in Schneeballschlachten ausdrücken, bei denen ums Haus herum und bei Überraschungsüberfällen bis in Flur und Küche hinein sich "USA" und "Iran" miteinander verbünden, worunter leider "Serbien" zu leiden hat. Wenn die "große Politik" ihre Differenzen nur auch so spielerisch lösen könnte! Anfang Februar ging's mit dem ganzen Haus für einen Tag nach Mölln, um in der Eulenspiegel-Stadt Frauke zu besuchen, die dort für einige Wochen auf Reha war. Für Corinna aus Peru war dies das erste Mal seit ihrer Ankunft in Hamburg vor bald zwei Jahren, dass sie aus der Stadt herauskam. Zum Abschluss nach Stadtbummel und leckerem Essen im Café am Markt (empfehlenswert) stand der Besuch im nahe gelegenen Tierpark. Auf der Rückfahrt roch das ganze Auto nach Ziegen… Erfreulicherweise ist Frauke nun wieder zuhause bei uns und gesundheitlich stabiler. Wir wünschen ihr, dass ihre Genesung weiter voranschreitet. Nachdem Viola sich im November verbindlicher mit uns eingelassen hat, sind wir weiter am Wachsen: Unsere Freundin Elisabeth hat sich entschlossen, im Frühjahr als "Freiwillige" ins Haus zu ziehen und damit das gemeinsame Leben und Arbeiten auch längerfristig zu erproben. Darüber freuen wir uns sehr! Und neuerdings sind wir auch mit Ute und Jens Schild im Gespräch über ein weiteres Zusammenrücken. Ute und Jens waren Gründungsmitglieder von Brot & Rosen und leben nun, nach ihrem Ausstieg und einem Auslandsaufenthalt, seit mehreren Jahren in unserer Nachbarschaft und helfen bei verschiedenen Aufgaben schon länger wieder mit. Gemeinsam sind wir dankbar für das Wachsen von Versöhnung, und wir vertrauen auf weitergehende Möglichkeiten, Gemeinschaft miteinander neu zu gestalten. Seit Anfang des Jahres erleben wir wieder ein großes Interesse an unserem Leben und Arbeiten bei Brot & Rosen: Zum einen hatten wir Besuch von verschiedenen Menschen, die je auf ihre Weise auf der Suche nach einem verbindlicheren Lebensstil sind. Solch ein Besuch ist immer ein Prozess des gegenseitigen Kennenlernens und Abklärens, ob hier vielleicht Lebenswünsche und -wege zusammenpassen könnten. Dabei brachten sich Rita, Henrike und Melanie tatkräftig in unseren Haushalt und im Café Exil ein, schnibbelten Gemüse, putzen, kochten und teilten unsere Mahlzeiten. Wir sind gespannt, was aus diesen neuen Beziehungen noch wachsen wird. Auch ganze Gruppen, z.B. ein interreligiöser Kurs von der Universität oder junge Leute im FSJ (Freiwilliges Soziales Jahr) sowie SeniorInnen zeigten sich interessiert an Brot & Rosen. Besonders spannend war es dabei, uns von den FSJlerInnen auf unseren Glauben befragen lassen und mit ihnen darüber ins Gespräch zu kommen. Nach einem kurzen Artikel über uns in der Hamburger Straßenzeitung "Hinz & Kunzt" meldeten sich gleich mehrmals Fernsehteams bei uns, um kürzere oder längere Beiträge über unser Leben zu drehen. So viele Anfragen von Radio, Fernsehen und Zeitung hatten wir in mehreren Jahren nicht. Wir sind zwar erfreut über dieses Interesse, aber gleichzeitig unsicher, wie wir mit solchen Anfragen umgehen sollen. Für unsere MitbewohnerInnen im Haus ist es oft schwierig, sich vor der Kamera zu zeigen. So beschlossen wir, dass wir vor allem die Themen der Flüchtlinge in den Vordergrund stellen wollen, so z.B. die täglich erlebte Ausgrenzung, die Nicht-Anerkennung von Fluchtgründen, die zum Teil entwürdigende Behandlung auf der Ausländerbehörde. Beim jährlichen Kreuzweg für die Rechte der Flüchtlinge - dieses Mal unter dem Motto "Und sie kommen des Nachts …" - versuchen wir ja, diese Erfahrungen sowohl politisch als auch liturgisch auf die Straße zu tragen. Vielleicht erhalten wir dieses Jahr an Karfreitag erhöhte Medienaufmerksamkeit... Beim Café Exil ist dasselbe Phänomen zu erleben: Die Arbeit findet erfreuliche Resonanz in der örtlichen Presse (v.a. taz Nord und NDR), selbst die Ausländerbehörde scheint nach 10 Jahren kontinuierlicher Präsenz unser Info- und Beratungscafé für Flüchtlingsrechte immer ernster zu nehmen. Und auch hier fragen wir uns: Wie kommt das? Ich denke, ein trauriger Grund für die stärkere Wahrnehmung des Café Exil in der Öffentlichkeit ist der in den vergangenen Jahren massive Abbau professioneller Flüchtlingsberatung in Hamburg. Entweder stellten sich die Beratungsstellen von der Sozial- und Rechtsberatung auf Rückkehrberatung für MigrantInnen um oder ihnen wurde der Geldhahn zugedreht. So verabschiedete sich Anfang 2005 auch "Info International" unfreiwillig von der Bühne - der Schwerpunkt der engagierten MitarbeiterInnen war die Beratung und Betreuung von "MUF's" (= minderjährige unbegleitete Flüchtlinge). Auch hier waren keine öffentlichen Gelder mehr zu haben, da "kein Bedarf mehr" gesehen wurde. Aufgrund der rigiden Abschottung der Festung Europa und dem konsequenten Ältermachen von jugendlichen Flüchtlingen werden in der Tat in Hamburg heute nur noch ca. 10 % MUF's im Vergleich zu vor 10 Jahren registriert. Ein anderer Grund für die Bedeutung des Café Exil liegt im positiven Sinne in der aktiven Beteiligung an der aktuell wieder wachsenden Vernetzung im flüchtlingspolitischen Bereich in Hamburg - sei es nun zu Fragen der EU-Sammelabschiebungen oder der wiederkehrenden Botschaftsanhörungen mit dubiosen VertreterInnen afrikanischer Staaten oder überhaupt zur Behandlung von Flüchtlingen bei Gängen auf die Ausländerbehörde. In diesem Sinne können wir zu Recht stolz sein auf unsere Mitarbeit im Café - zurzeit sind das vor allem Viola und Matt - danke Euch beiden! Anlass zur Freude ist auch die offizielle Anerkennung unserer langjährigen Mitbewohnerin Claire Lovesun. Vor vielen Jahren war sie aus der Diktatur Togo hierher geflohen und war, wie die meisten Flüchtlinge, in ihrem Asylbegehren zunächst über mehrere Instanzen abgelehnt worden. Eine Odyssee von mehreren Jahren folgte, die sie und ihre Tochter Patricia zum Glück vor über vier Jahren zu uns geführt hatte. Nun, als sie über Weihnachten gemeinsam mit ihrem Mann und den beiden Kindern bei uns zu Besuch gewesen waren, hatte die kleine Patricia noch gesagt: "Papa meint, ein wichtiges Papier wird unter dem Weihnachtsbaum liegen." Und, oh Wunder, als sie nach Silvester zu sich nach Hause fuhren, lag da tatsächlich der entscheidende Brief mit der Anerkennung im Briefkasten! Was für ein Geschenk! Und das umso mehr, als wenige Wochen später der langjährige Diktator Togos, Eyadema, unerwartet starb und nun die Lage im Lande vollkommen unklar ist. So hoffen wir, dass sich auch im Heimatland der Familie Lovesun die Dinge zum Besseren wenden werden! Zum Abschluss bleibt mir noch, Euch und Ihnen allen für die treue Unterstützung unserer Gemeinschaft in 2004 zu danken! Dadurch wissen wir uns von einem großen Kreis mitgetragen, der weit über unsere erlebten Beziehungen im Alltag hinaus reicht. Falls jemand noch eine Spendenquittung vermisst, dann möge sie oder er sich bei uns melden. Und falls uns jemand besuchen möchte, ohne nach Hamburg fahren zu müssen, dann wird es auf dem kommenden Kirchentag in Hannover eine Gelegenheit dazu geben. Wir werden für die gesamte Zeit auf dem Markt der Möglichkeiten im Themenbereich III "Wie sollen wir handeln? - Frieden stärken, Gewalt überwinden" mit einem eigenen Stand vertreten sein. Es wäre schön, sich dort persönlich zu begegnen! So grüße ich Euch und Sie herzlich mit dem Liedvers "Wenn das Brot, das wir teilen, als Rose blüht, und das Wort, das wir sprechen als Lied erklingt, dann hat Gott unter uns schon sein Haus gebaut, dann wohnt Gott schon in unserer Welt. Ja, dann schauen wir heut Gottes Angesicht in der Liebe, die alles umfängt, in der Liebe, die alles umfängt." |
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