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ÜberLeben auf der Baustelle
![]() Ein Vorteil einer offenen Küche – wir haben den Sommer direkt im Haus. ![]() Frühmorgendlicher Abschied am Hamburger Flughafen. von Uta Gerstner / Juni 2009 Nachdem unser Haus Ende April komplett eingerüstet wurde, haben uns die Sanierungsarbeiten den Dauerlärm der verschiedenen Handwerker beschert, die rund ums Haus im Einsatz sind: das Dach wird saniert, alle Außenwände werden mit Wärmedämmung verschalt und die Fenster sind alle erneuert worden. Wir versuchen in den momentanen Einschränkungen unseren Alltag trotz Bausstelle zu leben und hoffen, nach der satten Heizungs- und Stromkosten-Nachzahlung vom letzten Jahr auf nachhaltige Einsparungen bei den Energiekosten. Ungeplante Folgeschäden wie bröckelnder Mörtel vom Oberlicht, Regenwasser im Keller (wegen abgebauter Regenrinnen) rufen uns allerdings immer mal wieder zu akuten „Noteinsätzen“ herbei, zusätzlich zum Dauerkampf gegen allgegenwärtigen Staub und Dreck. Eben Baustelle. Und auch auf andere Weise sahen wir uns belagert, das allerdings „selbst gewählt“, denn wir hatten einige Tage ein dreiköpfiges NDR-Filmteam auf den Fersen, um ihnen Einblick in unser Leben mit Flüchtlingen zu geben. Wie fragil und fragmentarisch Leben sein kann, das haben wir und auch das Filmteam besonders mit Juliete erlebt, einer mutigen Frau aus Nigeria, die bei uns gestrandet war bei dem vergeblichen Versuch, ihren Kindern nach Kanada hinterher zu reisen. In Deutschland nicht einmal geduldet, ohne Möglichkeit, über den Atlantik zu gelangen, willigte sie desillusioniert und mittellos in eine „freiwillige“ Rückreise ein. Zwei Gepäckstücke à 23 Kilo - mehr durfte sie nicht mitnehmen zurück nach Nigeria ins Dorf zur alten, bedürftigen Mutter. Bis zuletzt rang sie mit jedem Kleidungsstück und ihren bescheidenen Mitbringseln, ob sie es wohl brauchen würde und was am wenigsten schmerzlich zurückzulassen sei. Nur einen Monat war sie bei uns, aber der Abschied schmerzte auch uns. Etwas Geld haben wir ihr noch mitgegeben und kürzlich erhielten wir ein telefonisches Lebenszeichen von ihr aus Lagos. Wie wird sie ihre Zukunft gestalten können? Wird sie je ihre Kinder wieder sehen? Ganz unbeschwert dagegen konnten wir Anis iranisches Abschiedsessen genießen, die sich damit bei uns bedankte für vier Wochen Mitleben, in denen sie sich nach einer Familienkrise neu orientieren konnte, um ihr Leben zukünftig selbstständiger zu gestalten. Ein paar Tage Ruhe vom Baulärm durften wir Anfang Mai im „Haus am See“ bei Münster beim alljährlichen europäischen Catholic-Worker-Treffen genießen. Umgeben von viel Natur verbrachten wir bei Gesprächen oder am Lagerfeuer begegnungsreiche, entspannte Tage. Von dort haben wir den Friedensaktivisten Steve Jacobs vom Catholic Worker Haus in Columbia, Missouri samt seiner Gitarre nach Hamburg mitgebracht. In unserem Stadtteilzentrum hat er beim Bramfelder „Festival des politischen Liedes“ zusammen mit der sozialkritischen Hamburger Rockband „Gutzeit“ und dem Liedermacher Kai Degenhardt seine Songs zu Gehör gebracht und das Publikum mit seinem fingerfertigen Gitarrenspiel beeindruckt. Zudem hatten wir verschiedene Besuchsgruppen zu Gast, die unser Haus und Projekt kennen lernen wollten: Firmlinge, KonfirmandInnen, VikarInnen und eine SeniorInnengruppe. Außerdem beherbergten wir auch mehrere Übernachtungsgäste: die Jugendlichen der Basisgemeinde Wulfshagener Hütten, eine zehnköpfige Studentinnengruppe aus Schweden und vier InderInnen vom Adivasi-Tee-Projekt mit ihren beiden deutschen BegleiterInnen – nach dem Motto „die Welt zu Gast bei Freunden“ sind dies für uns bereichernde Begegnungen mit interessanten Menschen. Wie auch unsere Offenen Abende, dir wir im April mit VertreterInnen des Christian Peacemaker Teams aus Israel/ Palästina, im Mai mit Steve Jacobs und jüngst mit Ralf Becker veranstaltet hatten, der mit seinem informationsreichen Vortrag über die antikapitalistische Alternative des „Regiogeldes“ viel zum Weiterdenken angeregt hat. Ilona ist gerade stellvertretend für unsere Gemeinschaft auf dem Bienenberg bei Basel gewesen, wo sie mit über 100 Delegierten 60 Jahre Church & Peace mitgefeiert hat und ganz erfüllt war von der Erfahrung, Teil dieses lebendigen, europäischen, friedenskirchlichen Netzwerkes zu sein. Das Haus Europa wird auch von uns mitgebaut! Nach einer geselligen Kaffeetafel Anfang Juni unter blühenden Rosen freuen wir uns nun auf einen hoffentlich sonnigen und – zumindest außerhalb des Hauses- ruhigen Sommer. Leider müssen wir uns vorher noch von unseren beiden Freiwilligen Jessica Drews und Solomon Fenton-Miller verabschieden mit herzlichem Dank für all ihr Engagement für Brot & Rosen, mit dem sie sich im zurückliegenden Jahr bei uns eingebracht haben. Um vielfältige Erfahrungen bereichert brechen sie bald auf zu je neuen Berufs- und Lebensstationen, wohin unsere Segenswünsche sie begleiten. Wie schön für uns, dass sich Christiane nach einem guten Jahr als Freiwillige nun von uns hat einladen lassen, im Stand einer „Novizin“ länger bei uns zu bleiben! „Wir sind die Baustellen unserer Zukunft“, so hat es der Theologe Hennig Luther einmal formuliert, damit mensch Umbruchphasen im Leben nicht als Einschränkungen oder gar Scheitern begreift, sondern als notwendige Veränderungsprozesse, die neue Lebensmöglichkeiten eröffnen. So erhoffen wir ja auch mit den Bauarbeiten am Haus die qualitative und ökonomische Verbesserung unserer Wohnsituation, und üben uns in Gelassenheit, auch wenn mensch im Maschinenlärm manchmal sein eigenes Wort nicht mehr verstehen kann. Ebenso haben unsere MitbewohnerInnen ihre je eigenen Baustellen am Laufen, in ihrem Versuch, die eigene Existenz auf sicheren Boden zu gründen – sei es mit einem Deutschkurs, einer Therapie, mit Leergutsammeln oder Job- und Wohnungssuche. Wir versuchen, sie auf dem Weg in eine eigenständige Zukunft zu unterstützen. Unsere Möglichkeiten, ihnen zu helfen, verdanken wir nicht zuletzt den vielen, die uns helfen. In diesem Sinne möchten wir den Dank, den wir im Haus erfahren, gerne an Euch und sie weitergeben. |
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