Diakonische Basisgemeinschaft in Hamburg
Arbeit für Frieden und Gerechtigkeit
Gastfreundschaft für Flüchtlinge
Leben in Gemeinschaft
Neues aus der Fabriciusstraße

von Uta Gerstner / Juni 2004

Drei Neuigkeiten erfreuen unser Herz: Birke ist Gemeinschaftsmitglied geworden. Viola hat ihre Zeit als Freiwillige bei uns verlängert. Und: Jeannette hat einen kleinen Simon zur Welt gebracht.

Der Kleine ist das Glück seiner Eltern und der Stolz seiner großen Schwester, die schon souverän mit ihm umgehen kann. Aber Patricia hat sich ja im Umgang mit Babys im Haus schon gut üben können, sei es beim Schieben von Lea-Susannas Kinderwagen, beim Füttern von Berfin oder beim Streit Schlichten im Sandkasten zwischen Elias und Daniel.

So sind wir als Gesamthaushalt wieder auf 22 Menschen angewachsen, davon inzwischen 9 Kinder. Von zwei MitbewohnerInnen haben wir uns dagegen kürzlich verabschiedet: Zunächst von Sala, da die verabredete Zeit eines Jahres vorüber war. Sie hatte sich eine neue Unterkunft organisiert, um von dort ihr Studium fortzusetzen. Im anderen Fall lief es leider nicht so gut: Jassir, ebenfalls ein Student, hatte seine Sprachprüfung nicht geschafft und statt dessen orientierungslos in unserem Wohnzimmer herumgehangen. Als er dann eine mehrfach angemahnte Hausregel missachtete, sahen wir uns genötigt, ihn hinauszubitten. Da zog er bei Nacht und ohne Gruß aus dem Haus - und mit ihm drei Photoapparate!

Dies war eine weniger schöne Erfahrung für uns, von der wir uns aber nicht betrüben lassen wollen. Solch negative Trennungen haben wir Gott sei Dank nur äußerst selten erlebt bei den bald 100 Gästen und MitbewohnerInnen, die wir inzwischen im Haus aufgenommen haben. Dass es da mal schief gehen kann, davon sind auch wir nicht verschont. Aber solche Erfahrungen gehören ebenso zu dem Lebensstil, für den wir uns bewusst entschieden haben. Und nach dem ersten wütenden Ärger über diesen Missbrauch unserer Gastfreundschaft beschlossen wir: Wir wollen nicht mehr Sicherheit fürs Haus durch höhere Kontrolle oder mehr Misstrauen erreichen, sondern weiterhin durch unsere vertrauensvolle Offenheit und Akzeptanz sowie durch die Mitverantwortung aller HausbewohnerInnen für das gemeinsame Leben.

Im Mai nahmen wir eine neue Mitbewohnerin auf, Simone, die mittlerweile schon ein vertrautes Gesicht am Tisch geworden ist. Aus Togo ist sie geflohen, und sie kämpft seit Jahren um ihre Anerkennung. Obwohl in Togo seit über 30 Jahren der Militärdiktator Eyadema an der Macht ist und jegliche Opposition verfolgt wird, haben es die meisten Flüchtlinge aus Togo schwer, bei uns Asyl zu bekommen. Warum?

Politisch wird diesen Menschen eine Integration verweigert, so lange es nur über Heirat oder Asylgewährung möglich ist, sich in unserer Gesellschaft zu integrieren. Man kann aber nicht Waren in alle Welt exportieren und internationale Börsengewinne abschöpfen wollen und vor den menschlichen Auswirkungen der Globalisierung die Augen verschließen. In jedem Fußballverein ist die Welt vertreten. Warum sperren sich viele Politiker beim Zuwanderungsgesetz, unser zusehends überaltertes Volk für neue MitbürgerInnen zu öffnen?

Die Ausstellung "Geteilte Welten" im 'Hamburger Museum für Arbeit' dokumentiert, wie Menschen unterschiedlichster Herkunft in Hamburg eine neue Arbeit und eine neue Bleibe gefunden haben. Manche wurden von der Industrie angeworben, andere sind von sich aus gekommen, weil sie hier ein besseres Leben erhofften. Aber man sieht auch, wie schwer es ihnen gemacht wird, bei uns Fuß zu fassen: Isolation statt Integration, immer in der Erwartung, dass die "Gäste" ja bald wieder gehen werden.

In dieser Ausstellung, die noch bis 20. Juni zu besuchen ist, entdeckten wir zu unserer freudigen Überraschung auch ein Photo von unserem Karfreitag-Kreuzweg für die Rechte der Flüchtlinge. Auf dem diesjährigen Kreuzweg sind über 150 Menschen mit uns durch Hamburg gepilgert, um die Lebensumstände der Flüchtlinge in unserem Land zu beklagen und um Veränderungen zu fordern. Im Kontakt mit unsern Gästen, MitbewohnerInnen und ihren Bekannten erleben wir verstärkt, dass ihre Rechtsfälle immer länger und komplizierter werden und die perspektivlosen Menschen vom langen Warten zermürbt und krank werden. Wie gerne würden wir ihnen mehr als einen Platz in unserem Haus anbieten können! Aber so tun wir, was wir können - Personalismus nannte das Peter Maurin, der Mitbegründer der Catholic Worker-Bewegung - wenn wir bewusst entgegen den herrschenden politischen Absichten mit den Ausgegrenzten zusammenleben.

Aufgerüttelt hat uns beim letzten Offenen Abend der Vortrag von Fanny Dethloff, der Flüchtlingsbeauftragten der Nordelbischen Ev.-luth. Kirche, über die Zustände in der Abschiebehaft in Hamburg und bundesweit. Sie machte uns deutlich, dass dort Menschenrechtsverletzungen geschehen, die uns alle angehen! Fanny Dethloff rief uns dazu auf, als Gruppen und als Einzelne Besuche in den Abschiebegefängnissen zu machen, um die Entrechtung der dort eingesperrten Flüchtlinge öffentlich zu machen und unsere Solidarität mit ihnen zu zeigen.

Im Alltag ist es wichtig für uns, neben den laufenden Tätigkeiten und notwendigen Arbeiten immer wieder Festzeiten miteinander zu haben, um im Feiern aufzutanken und gestärkt zu werden. Und reichen Anlass dazu hatten wir: Birke wurde am Ostermontag im Gemeinschaftsgottesdienst im Kreise von FreundInnen und Verwandten von uns als Mitglied aufgenommen und für ihren Dienst an Kopf, Herz und Hand gesalbt. Wie schön, dass wir wieder wachsen! Am 1. Mai feierten wir mit einem fröhlichen Fest die Taufe der kleinen Lea-Susanna. Und Mitte Mai luden wir auf unserem Hinterhof ein zum Garagen-Flohmarkt mit Kaffee und Kuchen. Die Arche-Lebensgemeinschaft besuchte uns dabei mit einer ganzen Gruppe. Und was wir von unserem aussortierten Hausrat - was hatte sich nicht alles in den 7 Jahren angesammelt! - nicht losgeworden sind, das verschenken wir weiter an den Umsonst-Laden in Altona, wo es dann weiter geschenkt wird an Leute, die es brauchen können.

Mit herzlichen Grüßen beende ich meinen Hausbericht und beeile mich, noch schnell alles zusammenzupacken für unseren Gemeinschafts-Kurzurlaub im Waldhäuschen von FreundInnen in der Lüneburger Heide. Zum ersten Mal verreisen wir als Gemeinschaft ohne die Absicht, miteinander inhaltlich zu arbeiten. Das wird wohl abenteuerlich werden ohne Strom und fließend Wasser - dafür aber mit Feuerstelle, Plumpsklo und unterm Sternenhimmel!



Mittragen

Unsere Gastfreundschaft für obdachlose Flücht­linge wird erst mög­lich durch Spenden und ehren­amtliche Mitarbeit
weiter...

Mitfeiern

Hausgottesdienste, Offene Abende und immer wieder mal ein Fest: Herzlich will­kommen bei uns im Haus der Gast­freund­schaft
weiter...

Mitbekommen

Möchten Sie regel­mäßig von uns hören und mit­bekommen, was pas­siert? Abonnieren Sie am besten unseren kosten­losen Rundbrief
weiter...

Mitleben

Immer wieder fragen uns interessierte Menschen, ob und wann sie uns be­suchen kommen können. Wir freuen uns sehr über dieses Inter­esse.
weiter...